Erste Schritte
Zum Zeitpunkt des Kriegsausbruches befinden sich die Luftstreitkräfte der verschiedenen Nationen noch in der Erprobungsphase - schließlich sind die ersten erfolgreichen Motorflüge gerade etwas über zehn Jahre her. Das Gerät ist noch sehr primitiv, und niemand hat eine Ahnung davon, was Flieger im Krieg überhaupt tun sollen. Zudem sind die Generalstäbe eher konservativ eingestellt und mißtrauen den neuen Möglichkeiten, die Flugzeuge bieten könnten. Allgemein wird dem Luftkrieg wenig zugetraut.
Zuerst wird das Flugzeug nur als Aufklärer eingesetzt, eine zentrale Führung gibt es dabei noch nicht - einzelne Flugzeuge werden verschiedenen Bodeneinheiten zugeteilt. Doch herrscht zumindest auf deutscher und britischer Seite zunächst tiefes Mißtrauen gegen die Meldungen der Luftaufklärer, Freund wie Feind schießen häufig wahllos auf jedes Flugzeug, das sich zeigt, ein offensiver Einsatz der Flugzeuge wird ganz abgelehnt. In Frankreich dagegen gibt es bereits eine zentral geleitete Luftaufklärung, und die Flugzeuge sind bereits mit Wurfpfeilen zum Einsatz gegen Bodenziele (Infanterie und Kavallerie) ausgestattet, die aus Behältern zu 250 Stück abgeworfen werden.
Die Bedeutung der Luftherrschaft
Die Aufklärung wird immer wichtiger, speziell als sich die Fronten im Stellungskrieg verhärten. Die Aufklärer kartieren gegnerische Gräben, Artilleriestellungen, Nachschubwege, Depots und Truppenansammlungen. Auch wird bald das von Fliegern über Funk geleitete Artilleriefeuer üblich, es wird neben der Aufklärung die wichtigste Aufgabe der Flieger. Zudem kommen Fesselballons zu denselben Zwecken, vor allem für Artilleriebeobachtung, zum Einsatz.
Die Flieger der verfeindeten Parteien geraten sich bei der Durchführung ihrer Aufträge immer häufiger ins Gedränge, und man beginnt aufeinander zu schießen - zunächst mit Pistolen und Gewehren, schließlich mit auf dem rückwärtigen Beobachtersitz eingebauten MGs. Auch Flugabwehrwaffen sind im Kommen, um die “Artillerielenker” zu stören, können die Flieger aber nicht zuverlässig vertreiben. So konstruieren die Franzosen das erste Jagdflugzeug, das ein nach vorn gerichtetes MG besitzt. Der Propeller ist mit Geschoßabweisern aus Metall gepanzert, von denen die kupfernen Gewehrkugeln abprallen, so daß der Propeller unbeschädigt bleibt. Es gelingt den Franzosen damit, die absolute Luftüberlegenheit zu erreichen. Das ist mit schwerwiegenden Nachteilen für die Deutschen verbunden: es können kaum noch Aufklärungsflüge durchgeführt werden, so daß man über die Absichten des Gegners im Unklaren ist. Zum ersten Mal wird die Bedeutung der Luftherrschaft deutlich. Dabei spielt sich der Luftkrieg hauptsächlich an der Westfront ab, die Ostfront ist von nachrangiger Bedeutung, zumal die Russen kaum über Fliegerkräfte verfügen.
Die ersten Bomber
Auch Bombenangriffe als verlängerter Arm der Artillerie gibt es bald, sie werden auf deutscher Seite meist von Zeppelinen ausgeführt, die konvertierte schwere Artilleriegeschosse abwerfen. Die Franzosen unternehmen erste Luftangriffe mit Flugzeugen. Die Deutschen greifen auch Festungen und Städte aus der Luft an, so z.B. Antwerpen und Paris. Erste Bombergeschwader werden eingerichtet, die Zeppeline fliegen ihre Ensätze vornehmlich nachts. Bald richten sich ihre Angriffe auch gegen England, Hafenanlagen, Kriegsschiffe und Industrie werden ihr Ziel.
Die Fokker-Plage
Währenddessen versuchen die Deutschen, das französische Morane-Eindecker-Jagdflugzeug zu kopieren. Das gelingt ihnen zunächst nicht: ihre Stahlmantel-MG-Geschosse durchschlagen jeden Geschoßabweiser, so daß das französische System nicht 1:1 übernommen werden kann. Eine Erfindung des holländischen Flugzeugkonstrukteurs Anthony Fokker bringt im April 1915 die Lösung: er konstruiert ein Maschinengewehr, dessen Schußfolge an die Propellerwelle gekoppelt ist und das nur dann feuert, wenn die Propellerblätter nicht im Weg sind. Mit diesem Synchronisator, eingebaut in einen Fokker-Eindecker, entreißen die Deutschen den Franzosen die Luftherrschaft und üben sie nun selbst aus, bei der Entente spricht man von der “Fokker-Plage”.
Rüstungswettlauf
Es entwickeln sich erste Taktiken und Strategien, ein technologischer Wettlauf beginnt. Gegen die “Fokker-Plage” führen die Franzosen den Formationsflug ein, der durch Konzentration der Abwehrwaffen den Gegner auf Distanz hält. Die ersten Fliegerasse treten in Erscheinung, auf deutscher Seite sind es Max Immelmann und Oswald Boelcke, die mit ihren E III-Jagdeindeckern einen Erfolg nach dem anderen erringen. Auch die Bomber entwickeln sich weiter, sie sollen die Reichweite der Artillerie verlängern und Ziele im Rücken der Front angreifen, die außer Reichweite der Geschütze liegen. Die Zeppeline richten bei ihren strategischen Angriffen mit großerReichweite zwar regelmäßig große Schäden an, sind aber gegen das immer stärkere Abwehrfeuer verwundbar, so daß Bomber immer mehr ihre Aufgaben übernehmen.
Die ersten richtigen Luftstreitkräfte
Im Jahr 1916 entstehen die ersten Luftkampfverbände, so etwa die Deutschen Luftstreitkräfte und das Royal Flying Corps; die ersten richtigen Kampfflugzeuge ersetzen die Provisorien der ersten Kriegsmonate. So erscheint auf französischer Seite das Jagdflugzeug Nieuport 17, sein deutsches Gegenstück ist die Halberstadt D II, das aber bald von der Albatros abgelöst wird. Immer mehr beschleunigt sich der technologische Wettlauf, immer neue Flugzeugmodelle erreichen die Front. Die Luftherrschaft wechselt zwischen Entente und Mittelmächten hin und her. Die Nieuport hat die Fokker-Plage beendet, die Albatros-Jäger können die Luftherrschaft ab Mitte 1916 wieder auf die deutsche Seite ziehen. Erstmals operieren die Jagdflugzeuge nicht mehr allein, sondern arbeiten in Gruppen zusammen.
Auch neue Bomber erscheinen: auf deutscher Seite die AEG G IV, auf englischer die Short Bomber. Die Deutschen setzen ihre Zeppelinangriffe fort, erleiden jedoch immer häufiger Verluste, so daß sie ihre Angriffe allmählich den Bombern überlassen. Ein neues Fliegerass macht durch seine Erfolge von sich reden: Manfred von Richthofen, der “Rote Baron” nach der Farbe seines späteren Fokker Dr I-Dreideckers. Zunächst macht er die Lüfte aber in Albatros-D II und D II-Doppeldeckern unsicher.
Auf britischer Seite kommt der neue Jäger Sopwith Pup zum Einsatz, der der Albatros gewachsen ist. Bei den Deutschen erscheint Mitte 1917 die Fokker Dr I, der berühmte Dreidecker. Richthofen ist inzwischen der meistgejagte Flieger - und der erfolgreichste: im ganzen Krieg erzielt er 80 Luftsiege, mehr als jeder andere Pilot. Auch neue Bomber erscheinen, so die Gotha G V, die vornehmlich für Angriffe gegen England verwendet wird, und der schwere Bomber Zeppelin Staaken R VI, der auch Festungsanlagen angreift. Auf britischer Seite erscheint die Handley Page 0/400, ähnlich furchterregend. Während an der Westfront sich die deutschen und alliierten Luftstreitkräfte 1916 und 1917 etwa die Waage halten, verschiebt sich das Gewicht im Osten immer mehr zugunsten der Deutschen. Die Russen können im Rüstungswettlauf nicht mithalten, zu schwach ist die Leistung ihrer Industrie, und auch technologisch fallen sie immer mehr zurück.
Das Ende des Krieges
Die deutschen Luftstreitkräfte schlagen sich tapfer, aber mit Fortschreiten des Krieges wächst die zahlenmäßige Überlegenheit der Entente an Piloten und Flugzeugen immer mehr und entreißt ihnen die Luftherrschaft. Auch technisch überlegene Flugzeuge wie die Fokker D VII und die Junkers D I, das erste Ganzmetallflugzeug, können nicht mehr viel ausrichten, genausowenig wie junge Nachwuchsasse wie Ernst Udet oder Hermann Göring. Auf Seiten der Entente stehen ihnen die hervorragenden Spad VII und Sopwith Camel Jagdflugzeuge, zusammen mit vielen anderen neuen Modellen, entgegen - und das in immer größeren Stückzahlen und mit immer besser ausgebildeten Piloten. Das Schicksal ereilt im letzten Kriegsjahr auch den Roten Baron, der von einem kanadischen Jagdflieger abgeschossen wird. Schließlich sind es allerdings die Bodentruppen, die den Krieg entscheiden - Luftherrschaft stellt zwar einen nicht zu unterschätzenden Faktor dar, kann aber eine starke Unterlegenheit am Boden doch nicht ausgleichen, und der Krieg wird nun mal auf dem Boden gewonnen.
Eine neue Waffengattung
Am Ende des Krieges haben sich die Fliegerkräfte vom kaum beachteten Anhängsel zu einer vollwertigen Waffengattung entwickelt, die aus keiner Armee mehr wegzudenken ist und entscheidenden Anteil am Geschick kommender Kriege haben wird. Sie ist es, die den deutschen Armeen im Zusammenwirken mit der Panzerwaffe am Beginn des Zweiten Weltkrieges ihre überwältigenden Blitzsiege ermöglicht, und auch im Pazifikkrieg gegen die Japaner ist sie die entscheidende Waffe. Bis heute bleibt Luftherrschaft schlacht- und kriegsentscheidend.
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