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FL18 - Frontline18 .:. Forum > Stahlbronze in der Ö-U Artillerie

Deutsche Foren >> History > Stahlbronze in der Ö-U Artillerie
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 Autor Thema: Stahlbronze in der Ö-U Artillerie
Mausul
30.06.2006 um 12:22 QuoteProfileSend PM

Clan: 0
Postings: 3

Hi! mich beschäftigt die Frage inwieweit die Stahlbronze den Stählen der letzten Vorkriegsjahre - unterlegen, ebenbürtig bzw. überlegen war. Rüstungsausgaben waren ja in der Monarchie nie besonders beliebt - allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass dies der einzige Gesichtspunkt bei der Beibehaltung der Stahlbronze war (bzw. die Antipathie des Artillerieinspektors Kropatschek gegenüber Emil Skoda). Auch in der Literatur scheiden sich die Geister - (Hervorragendes Material - bis Schrott). Vergleicht man die Daten der Feldkanone M 05 mit den Standardfeldkanonen anderer Großmächte sind diese ja nicht gerade berauschend (Franz KOSAR - "Artillerie im 20. Jhdt"). Andererseits ist die Leistung einer Kanone natürlich eine Frage der Gesamtkonstruktion. Weiss hier jemand mehr darüber? Wenn ja wäre ich dankbar wenn er mich etwas erleuchten könnte

mfg
Mausul
 
Hase
18.07.2006 um 01:06 QuoteProfileSend PM

Clan: 0
Postings: 794

Sorry @Mausul,

kenne mich da ganz und gar nicht aus.
 
Parabellum
26.07.2006 um 15:19 QuoteProfileSend PM

Moderator

Clan: Team Frontline18
Postings: 5411

Da die k.u.k.-Armee 1914-18 als einzige europäische Armee in größerem Umfang Stahlbronze-Geschütze einsetzte, wird das Thema nicht gerade ausführlich in der Literatur behandelt. Ich meine, wieviele Bücher gibt es überhaupt zur k.u.k.-Armee?

Fakt ist, daß die Entscheidung für Stahlbronze-Geschütze wesentlich früher getroffen wurde, nämlich in den 1870er Jahren. Bis dahin hatten jahrzehntelang alle Staaten ihre Geschütze aus Hartbronze oder Gußeisen gefertigt. Erstere war wesentlich dauerhafter und zäher, während Gußeisen dafür deutlich billiger war. Mit Stahlgeschützen wurde zwar experimentiert, aber das Material erwiesen sich in allen Fällen als zu spröde. Erst in den 1860er Jahren entwickelte die Firma Krupp ein Verfahren, um gegossene Stahlrohre nachzuschmieden, so daß ihre Eigenschaften den bisherigen aus Hartbronze oder Gußeisen deutlich überlegen waren (widerstandsfähiger, leichter). Nach diesem Prinzip waren beispielsweise die Geschütze der deutschen Feldartillerie im Deutsch-Französischen Krieg gebaut, die ihren französischen Gegenstücken himmelweit überlegen waren.

Nach dem Krieg bot Krupp sein Verfahren auch international an, aber den Österreichern waren die Lizenzgebühren und Materialkosten zu teuer (industrielle Stahlverhüttung war damals noch in den Kinderschuhen). Stattdessen begannen sie im Arsenal Wien mit einem verbesserten Herstellungsverfahren zu experimentieren: Den Stahlbronzegeschützen nach Uchatius. Verwendet wurde dafür die übliche Hartbronze, aber das Rohr wurde nur auf etwa 90% des beabsichtigten Kalibers ausgebohrt und dann durch Hineinpressen von verschieden starken Stahlzylindern auf den endgültigen Wert erweitert. Die Bronze nahe der Seelenwand erhielt durch diese Verdichtung eine Festigkeit ähnlich dem kruppschen Gußstahl (daher der Name Stahlbronze), ohne daß die Kosten wesentlich anstiegen.
Zu diesem Zeitpunkt war der Verbleib der k.u.k.-Armee beim Hartbronzegeschütz militärisch also durchaus sinnvoll. Auch finanziell fiel die Entscheidung leicht, denn Bronzerohre lassen sich am Ende ihrer Lebensdauer problemlos einschmelzen und unter geringem Materialverlust für den Neuguß verwenden. Stahlrohre sind dagegen aufgrund der empfindlichen Abhängigkeit der Eigenschaften von diversen Zusätzen wesentlich aufwendiger wiederzuverwerten.

Das eigentliche Problem an dieser Entscheidung war, daß Österreich damit auf eine vollentwickelte Technologie im Endstadium setzte, bei der nicht wesentlich mehr Fortschritt zu erwarten war. Deutschland (Krupp) und später auch Frankreich (Schneider) und Großbritannien (v.a. Armstrong) setzten dagegen auf eine extrem teure und risikoreichere Technologie, die bei Erfolg - der ja auch eintrat - ein gewaltiges Potential hatte. Österreich hatte sich also quasi auf ein technologisches Abstellgleis gefahren.
Dies nachträglich zu korrigieren wurde ab den späten 1880er Jahren immer schwieriger, weil sich nach dem Abtritt Bismarcks die außenpolitische Situation Europas immer weiter verschärfte und kein Staat ohne weiteres bereit war, Schlüsseltechnologien an potentielle Gegner weiterzureichen.
Erst als die die Situation ab 1907 zur echten Krise für Deutschland auswuchs, war dieses bereit, seinem letzten treuen Verbündeten Österreich Zugang zu aktuellem technologischem Wissen zu geben. Aber zu diesem Zeitpunkt war die k.u.k.-Artillerie bereits vollständig ausgerüstet und ein Komplettersatz der Bewaffnung finanzieller und logistischer Irrsinn.

Bleibt noch die Frage, um wieviel schlechter die Stahlbronzegeschütze eigentlich waren: Erstaunlicherweise war der Unterschied unter Friedensbedingungen sehr gering. Stahlgeschütze waren etwas leichter und damit besser handzuhaben. Außerdem ist Stahl mechanisch belastbarer (ein Bronzegeschütz konnte bei Kollision mit einer Mauer o.ä. durchaus mal eine Delle davontragen, wenn das auch die Schießeigenschaften nicht beeinflußt hat).
Ein wesentlich größereres Problem zeigte sich unter Kriegsbedingungen, denn bei langanhaltendem Dauerfeuer erhitzten sich die Geschütze so weit, daß langsam das Zinn in der Bronze auszuschmelzen begann. Durch diesen Zinnbelag im Rohr sanken Treffsicherheit und Reichweite. Sinkender Zinnanteil bewirkt aber vor allem, daß Bronze spröder wird und damit den Belastungen beim Schießen schlechter standhält!
Leider habe ich keine Zahlen dazu, aber es würde mich nicht wundern, wenn mit zunehmender Kriegsdauer die Zahl von Schießunfällen bei den österreichischen Stahlbronze-Geschützen deutlich zugenommen hätte.


So, daß war jetzt so ziemlich alles, was ich spontan zum Thema zusammenkratzen konnte. Hoffentlich hilft's wenigstens ein bischen weiter.

Quellen:
- Ortenburg: Waffen der Millionenheere
- Meyers Konversationslexikon 1888
__________________
Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat. (Napoléon Bonaparte)
 
nA
27.07.2006 um 18:36 QuoteProfileSend PM

Clan: 0
Postings: 3500

Von Osprey gibts 2 gute Bücher über die K.u.K. Armee mit Schwerpunkt auf die Uniformen aber sicher auch mit vielen Infos über die Kämpfe und auch ein Haufen Fotos!
http://www.moduni.de/product_info.p...ucts_id/6415594
http://www.moduni.de/product_info.p...ucts_id/6414595

[Editiert von Afroman am 27.Jul.2006 um 18:38]
 
Parabellum
29.07.2006 um 09:47 QuoteProfileSend PM

Moderator

Clan: Team Frontline18
Postings: 5411

Die beiden sind aus der 'Men at Arms' Serie. Darin findest du meist nur Uniformbeschreibungen und - zugegeben sehr gute - Farbtafeln. Zu Technik und Einsatz sind da seltestens mehr als 1-2 Seiten drin.
__________________
Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat. (Napoléon Bonaparte)
 
Mausul
08.08.2006 um 16:03 QuoteProfileSend PM

Clan: 0
Postings: 3

Erst Mal Danke für die Antworten! (sorry bin bisschen spät dran)

@Parabellum: So in etwa hab ich mir das auch zusammengereimt (bin bei meinen Recherchen auch auf das Konversationslexikon gestossen). Anstoss zu meiner Frage waren die für China von Skoda produzierten Feldkanonen mit Stahlrohr welche eine erheblich geringere Reichweite als die Stahlbronze geschütze hatten. Selbstverständlich ist die Leistungsfähigkeit einer Kanone eine Gleichung mit mehrenen Variablen aber erstaunt war ich schon (wobei man bei Exportware in Ländern die selbst keine Großmacht sind natürlich auch wieder vorsichtig sein muss). Die C97 und die Putilow 02 erreichten durch die Verwendung neuerer Granaten eine Steigerung der Reichweite (lt. KOSAR). Eine Steigerung der Treibladung war wohl beim Stahlbrozematerial nicht mehr möglich. Intressant ist nur das in vielen (österreichischen) Büchern/Diplomarbeiten zwar auf das "spezielle" Material Stahlbronze verwiesen wird aber eine Bewertung unterbleibt.

an alle Danke für eure Mithilfe!
mfg
Mausul
 
Mausul
08.08.2006 um 16:13 QuoteProfileSend PM

Clan: 0
Postings: 3

Zum Thema Technologie. Da sollte man Skoda nicht unterschätzen. Schließlich wurd die Marine mit Stahlkanonen beliefert (und verdrängte dort Krupp)

mfg
Mausul
 
Parabellum
08.08.2006 um 19:46 QuoteProfileSend PM

Moderator

Clan: Team Frontline18
Postings: 5411

Ich würde das so erklären, daß die k.u.k.-Marine wesentlich"experimentierfreudiger" war als das Heer. Während die österreichische Armee neue Techniken nur sehr zaghaft einführte, wenn sie sich international noch nicht bewährt hatten, spielte die Marine gerne mit neuen Technologien, um den Italienern gegenüber den zahlenmäßigen Nachteil auszugleichen (man denke nur an ihr frühzeitiges Engagement in die Torpedowaffe oder die frühzeitige Einführung von Drillingstürmen). So waren zum Beispiel bereits die Kreuzer der Panther-Klasse (Stapellauf 1885) komplett mit Stahlgeschützen bewaffnet (von Krupp geliefert).

Was die chinesischen Stahlgeschütze angeht, würde ich genauso wie Du vermuten, daß man dorthin nicht die aktuelleste Technik geliefert hat. Schließlich war China bis in die 20er Jahre so eine Art "Kolonie in spe".
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