Die Forts von Lüttich
Die Geschichte des Fortringes
Mitte des 19. Jahrunderts waren die Festungsanlagen von Lüttich nur schwach ausgebaut, abgesehen von zwei völlig veralteten Forts vom Beginn des Jahrhunderts. Die Kriegstechnik entwickelte sich ständig weiter, und neue, stärkere und vor allem weiter reichende Geschütze standen zur Verfügung. Dadurch entstand die Notwendigkeit, die Verteidigunganlagen einer Stadt noch weiter nach außen zu schieben, so daß sie sich nicht auf ein kleines Gebiet konzentrierten. Statt einer engen Ringmauer, wie sie früher üblich gewesen war, sollten sich gegenseitig unterstützende vorgeschobene Festungswerke die Verteidigung übernehmen; dieser Schritt zeichnete sich schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Entsheung von immer neuen Außenwerken um die alten Festungskerne ab. Dies führte zu der Tendenz, Ringe von Forts um größere europäische Städte herum zu schaffen. Eine der ersten Städte, die diesen Weg gingen, war Antwerpen, jedoch lagen die Forts relativ nahe der eigentlichen Stadt und konnten dem Bombardement fortschrittlicher Artillerie nicht lange standhalten. So begannen Festungsingenieure, mit verschiedenen Entwürfen zu experimentieren, um die Verteidigungsfähigkeit von Befestigungen zu erhöhen und sie in das Gelände einzubetten, damit sie eine möglichst geringe Zielfläche boten.
Unter diesen Ingenieuren war Henri Alexis Brialmont, dessen Vater noch unter Napoleon gedient hatte und später Berater des belgischen Königs Leopold I. und des Kriegsministeriums wurde. Diese Verbindungen machten es ihm leicht, bei der Kriegsschule zugelassen zu werden, wo er 1843 graduierte. Henri Brialmont wurde ein bekannter Festungsbaumeister und wurde z.B. nach Antwerpen entsandt, um die Forts der Stadt zu modernisieren. Danach wurde er von der rumänischen Regierung angeworben, für die er einen Ring von Forts um Bukarest bauen sollte. Seine dortige Arbeit, die 12 Jahre dauerte, gaben ihm viele neue Ideen und Informationen für die Planung von Festungen. Danach kehrte er nach Belgien zurück, um sich der Arbeit an seinen - wie sich erweisen sollte - letzten Projekten zu widmen, dem Bau von Forts um Lüttich und Namur.
Der Aufbau der Forts
Henri Brialmont entwarf die Forts für Lüttich so, daß sie aus vier Elementen bestanden, namentlich die Grabenfront, das Zentralreduit, die Zentralgalerie und die Kasematten. Jedes dieser Elemente war so entworfen, daß sie zusammen massiveine sehr starke befestigte Position ergaben, die sich gut in das Terrain einfügte. Vom Bodenniveau aus war nur wenig von der Festung zu sehen. Wenn man sich dem Fort näherte, sah man lediglich offenes, leicht ansteigendes Gelände: das äußere freie Schußfeld oder Glacis des Forts. Dieses bot sich nähernden Gegnern keinerlei Deckung und setzte sie dem Beschuß durch die Geschütze des Forts aus. Das Zentralreduit des Forts erhob sich etwa einen Meter über das Glacis. Hier standen insgesamt vier Stahlkuppeln, welche die Geschütze des Forts beherbergten. Es gab vier verschiedene Typen von Forts, kleine und große, die wiederum in solche mit viereckigem und mit dreieckigem Grundriß aufzuteilen waren.
Um das Zentralreduit des Forts herum lagen trockene Gräben, die vom Flankierungsfeuer der in den Kasematten der dem Fort gegenüberliegenden Grabenseite (der Kontereskarpe) eingelassenen Geschütze bestrichen werden konnten. Auf der dem Feind abgewandten Seite des Forts lag der Eingang. Die Eingangspoterne (Poterne = tonnengewölbter Gang) öffnete sich zum rückwärtigen Graben und wurde vom enfilierenden Feuer von zwei 57 mm-Geschützen verteidigt, die in der Kaserne der rückwärtigen Front eingebaut und ebenfalls vom Feind abgewandt waren. Diese Kaserne enthielt eine weitere Poterne, die ins Innere des Forts führte. Auf jeder Seite dieser Poterne lagen die Quartiere, Lagerräume und Munitionsmagazine der Infanterie. Diese Räume besaßen Fenster, die sich auf den rückwärtigen Graben öffneten. Hinter diesem Graben lag das Zentralreduit, das Herz des Forts, das aus 2,5 m starkem Beton gebaut war. Hier waren die Hauptgeschütze postiert, genau wie die Wasserspeicher, die Lagerräume, Generatoren, Heizungssysteme und zusätzliche Munitionsdepots und Pulvermagazine. Die verwendeten Geschütze hatten Kaliber von 210, 150 und 120 mm. Vom Zentralreduit führten Stufen nach oben auf die Terreplein, die Oberfläche des Forts. Hier gab es Brustwehren für die Infanterie und 57 mm-Geschütze, um die Umgebung des Forts zu verteidigen.
Fortring um Lüttich
Die Stadt Lüttich war von einem Ring von zwölf Forts umgeben, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut wurden. Durchschnittlich waren die Forts 1900 m voneinander entfernt und lagen in einem Abstand von 6500 m vom Stadtzentrum. Der Ring wurde von der Maas durchströmt, mit sechs Forts an jedem Ufer. Auf dem rechten Ufer lagen, von Norden nach Süden aufgezählt, die Forts Barchon, Evegnee, Fleron, Chaudfontaine, Embourg und Boncelles. Auf dem linken Ufer waren es die Forts Pontisse, Liers, Lantin, Loncin, Hollogne und Flemalle. Zwischen den Forts erstreckte sich eine Grabenlinie, um die Zwischenräume zu schützen.
Die Forts Chaudfontaine, Flemalle, Embourg und Pontisse waren viereckig, der Rest dreieckig. Die Forts konnten miteinander über große Scheinwerfer kommunizieren, die als Signallampen eingesetzt wurden. Daneben gab es Telephonleitungen, die von jedem Fort in eine Zentrale in der Stadt führten und von dort zu den anderen Forts. Jedes Fort verteidigte ein bestimmtes Gebiet, mit strategischen Schlüsselelementen innerhalb dieses Gebietes. Zusammen mit den Grabenlinien zwischen den Forts sollte dies eine sichere Verteidigung der Stadt Lüttich gewährleisten. Die Forts galten allgemein als uneinnehmbar, dies stellte sich allerdings später als falsch heraus.
Fehlerhafte Planung
Obwohl die Forts als unbezwingbar galten, waren sie es bei weitem nicht. Als die Deutschen 1914 vor Lüttich aufzogen, hatten sie zwar zuerst Schwierigkeiten damit, sie einzunehmen. Die Technologie hatte sich allerdings in den letzten 30 Jahren Jahren weiterentwickelt und machte die Forts fast wertlos.
Zunächst waren die Forts darauf ausgelegt worden, Geschützen bis 210 mm zu widerstehen, dem größten Kaliber der damaligen Zeit. Als der Krieg 1914 ausbrach, gab es jedoch schon weitaus schwerere Geschütze in großer Zahl. Die Deutschen verwendeten solche großkalibrigen Geschütze, um die Forts zu bezwingen. Sie brachten auch neuartige Waffen mit, neben "normalen" 210 mm Mörsern überschwere Steilfeuergeschütze wie den österreichischen Skoda-Mörser im Kaliber 305 mm, und auch wahre Monster wie den deutschen 420 mm-Mörser, der als "Dicke Berta" bekannt wurde. Diese gewaltigen Waffen machten kurzen Prozeß mit den Betonwällen der Forts, die nicht mit Stahl armiert waren wie bei manchen anderen Festungen üblich. Sie griffen nicht, wie von den Konstrukteuren erwartet, mit Flachfeuer die Wälle an, sondern trafen sie an ihrer konstruktiv schwächsten Stelle - im Bogenschuß von oben auf die Oberfläche der Forts. So zerschlugen die neuen Waffen die veralteten Verteidigungsanlagen, ohne daß diese sich dagegen effektiv zu wehren vermochten. Ein Volltreffer ins Munitionsmagazin am 14. August löste im Fort Loncin eine schwere Explosion aus, die 350 Mann der 550 starken Besatzung auf einen Schlag tötete und das Fort total zerstörte, so daß sich die Überlebenden, unter ihnen der Festungskommandant General Leman, ergeben mußten. Die überschweren Granaten durchdrangen auch die stärksten Decken (bis zu 3 m Beton), und die Explosionen der Geschosse füllten die Gänge der Forts mit giftigen Rauchschwaden. Schlimmer noch, es stellte sich heraus, daß die meisten Forts nur schlecht ans Gelände angepaßt worden waren. Mit der Ausnahme der Forts Lantin, Loncin und Hollogne konnte keines der Forts das Feuer auf sich nähernde Infanterie eröffnen, ehe sie sich auf weniger als 600 m an die Befestigung herangewagt hatte. Diese Schwäche öffnete Lücken in der Verteidigung von bis zu 3000 m Breite, die die Geschütze der Forts nicht einsehen konnten. Außerdem gab es Täler auf dem rechten Maasufer, die es dem Gegner gestatteten, sich unbemerkt dem Glacis zu nähern. Es gab desweiteren noch zahlreiche andere konstruktive Schwächen der Forts, wie mangelhafte Kommunikations- und Artilleriebeobachtungssysteme, doch das größte Problem waren unzureichend gebaute Latrinen, eine schlechte Belüftung und die Tatsache, daß die Forts von hinten nur schwach geschützt waren.
Wegen der schlechten Abdeckung der Zwischenräume der Forts konnten die Deutschen leicht zwischen ihnen durchstoßen und die Stadt Lüttich im Rücken der Verteidiger erobern. Nun war die Einnahme der Forts nur noch eine Frage der Zeit, sie konnten den feindlichen Angriff lediglich verzögern, aber nicht mehr aufhalten. Zudem konnten die Angreifer die Forts nun von hinten attackieren, wo sie nur schwach ausgebaut waren. Dies führte zu einem ernsthaften Problem, namentlich dem der Latrinen und der mangelhaften Belüftung des Inneren. Da sich die Latrinen im hinteren Teil der Forts befanden, waren sie bald durch den von hinten angreifenden Gegner zerstört oder unerreichbar für die Besatzungen. Weil sie nun von ihren Quartieren abgeschnitten waren, mußten sie sich in der relativen Sicherheit des Zentralreduits und der Zentralgalerie so gut es ging einrichten. Die schlechte Belüftung machte den Gestank der improvisierten Latrinen unerträglich. Zusammen mit den giftigen Gasen feindlicher Granateneinschläge wurde die Luft in den Gängen nicht mehr atembar und sogar potentiell tödlich. Die Männer litten an Krankheiten und Übelkeit, zusammen mit Durchfall und Erstickungsanfällen. Die Zustände in den Forts wurden unhaltbar. Es ist wahr, daß viele der Forts sich nicht wegen der durch den Gegner angerichteten Zerstörungen ergaben, sondern wegen der unmöglichen Zustände im Inneren.
Das Ende
Die Forts um Lüttich hielten bis zum bitteren Ende aus. Sie leisteten heroischen Widerstand, als die Deutschen am 4. August 1914 vor der Stadt erschienen, und setzten ihn auch in den folgenden Tagen fort, als er schon sinnlos geworden war. Als die Stadt fiel, war das Schicksal der umgebenden Forts ebenfalls besiegelt, und sie konnten den gegnerischen Erfolg nur noch verzögern. Sie hielten noch fünf weitere Tage unter dem mörderischen Feuer der schweren deutschen Artillerie und den unzumutbaren Zuständen in den Gängen aus, bis schließlich am 16. August das letzte Fort fiel. Die moderne Kriegstechnik hatte die statische Festungskriegführung veralten lassen, und die Deutschen konnten sich nun ihrer nächsten Aufgabe widmen: dem Angriff auf die Festung Antwerpen mit ihren 48 veralteten Forts.
(Ursprünglicher Artikel von X_VanTagE_X, übersetzt und ergänzt durch Jagdpanther)
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