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| FL18 - Frontline18 .:. Der "Christmas Truce" |
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Der "Christmas Truce"
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So hatten sich viele Soldaten der kriegführenden Mächte das Weihnachtsfest 1914 nicht vorgestellt: in knietiefem Schlamm in den Schützengräben sitzen. Bei Eiseskälte spähen, ob sich beim Tommy, Fritz oder Jaques auf der anderen Seite des Niemandslandes etwas rührte. Dazu die Tagesbefehle der Oberkommandos, die einen baldigen Sieg heraufbeschworen - im Frühjahr, wenn der verdammte Schnee endlich wegschmolz.
Schon lange hatten Repetiergewehre, Maschinengewehre und Artillerie den Hurrapatriotismus und die Begeisterung der ersten Monate beseitigt. Zehntausende von Soldaten hatten sich auf beiden Frontseiten zu ihrem Schutz gegen den Schrecken moderner Waffen eingegraben und warteten auf das Ende des Winters, hoffend, daß dann dieses tödliche Patt im Schlamm endlich enden würde.
Auch hatte der Krieg noch nicht lange genug gedauert, um alle Überreste des Friedens zu beseitigen: Noch glichen die Wiesen und Felder nicht Mondlandschaften, noch standen einzelne Dörfer, und selbst im Niemandsland zwischen den Fronten fanden sich noch einzelne Bäume und kleine Wäldchen. Schon ein Jahr später sollte das nicht mehr so sein.
Wer kann es da den Soldaten verdenken, wenn sie schon beinahe Mitleid mit den Jungs von der anderen Feldpostnummer empfanden, die ihr Schicksal teilen mußten. Hatte doch der eine oder andere sogar Freunde und Verwandte im „Feindesland“. Auch stellten sich manche die Frage, ob der Feind da drüben wirklich so schlimm war, wie es die Politiker, Generäle und Geistlichen behauptet hatten.
Aus diesem Grund kam es immer wieder zu kurzzeitigen Feuerpausen, in denen beide Seiten ihre Toten bargen, sich mit Grüßen oder Beleidigungen statt Artilleriegranaten bombardierten oder einfach nur einen Blick auf ihren Gegner warfen.
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In den Adventswochen des Jahres 1914 kam selbst in den verschlammten Gräben der Westfront eine festliche Stimmung auf. Dazu trugen bei Briten und Deutschen auch noch große Mengen von Weihnachtspaketen bei, die die Soldaten aus der Heimat bekamen: Plumpudding, Schokolade und Zigaretten für die Tommies, Meerschaumpfeifen, Kekse und warme Kleidung für die Deutschen.
So reich beschenkt, und mit vollen Mägen (zumindest voller als sonst…), war den Soldaten wenig nach Kämpfen zumute. Stattdessen begannen Einheiten nahe Ypern ihre Gräben mit irgendwo organisierten Tannenbäumchen und Kerzen festlich auszustaffieren, und ein Reporter des Daily Telegraph berichtete später, daß nachmittags aus unerklärlichen Gründen ein deutscher Schokoladenkuchen die Runde unter den britischen Soldaten machte.
Selbst an den Frontabschnitten der Indian Expeditionary Force schwiegen weitestgehend die Waffen, denn wo die Deutschen mit ihren improvisierten Tannenbäumchen das Weihnachtsfest feierten, fühlten die Inder sich an das hinduistische Lichterfest erinnert.
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Noch erstaunlicher war ein Ereignis nahe La Bassee, wo eine deutsche Einheit um einen vorübergehenden Waffenstillstand bat, um den Heiligen Abend und den gleichzeitigen Geburtstag ihres Kompaniechefs zu feiern. Die Briten akzeptierten und sandten sogar einige Zigarren als Geburtstagsgeschenk. Pünktlich zur verabredeten Zeit um halb acht abends erstrahlten die deutschen Gräben im Kerzenlicht, und ein „Oh Tannenbaum“ aus hundert Kehlen schallte zu den Briten herüber.
Herzlicher Applaus der Briten wurde mit der Aufforderung mitzusingen beantwortet. Darauf rief einer der Tommies, der wohl in weniger festlicher Stimmung war, zurück „We'd rather die than sing German“. Einige erschrockene Sekunden der Stille folgten. Schließlich kam von der deutschen Seite zurück „It would surely kill us if you did!“, gefolgt von johlendem Lachen.
Auch in den Weihnachtsfeiertage wurde der Waffenstillstand an viele Stellen fortgesetzt. Die Soldaten sangen gemeinsam über das Niemandsland hinweg Weihnachtslieder, und ein deutscher Soldat, der im Zivilleben Jongleur gewesen war, gab eine Stehgreifvorstellung mitten im Niemandsland. Im Gegenzug bot ein ehemaliger Friseur auf britischer Seite kostenlose Haarschnitte für Soldaten beider Seiten an. Im Frontabschnitt des 134. Sächsischen Infanterieregimentes brachten die Royal Welsh Fusiliers einen Ball mit und veranstalteten den ganzen Tag ein Fußballspiel zwischen den Fronten. Es endete mit 3:2 für die Briten, als schließlich dem Ball in einem Stacheldrahtverhau die Luft ausging. Der Siegespreis waren Gerüchten zufolge zwei Fässer Bier, die noch am gleichen Tag ausgeliefert wurden.
Aber auch traurigere Ereignisse prägten diese Tage: Tote beider Seiten lagen oft schon seit Tagen im Niemandsland und viele Einheiten nutzten die Gelegenheit, um die steifgefrorenen Leichen ihrer Kameraden zu bergen und zu beerdigen. Die schottischen 6th Gordon Highlanders organisierten sogar eine regelrechte Trauermesse mit ihren deutschen Gegnern im Niemandsland.
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Im Gegensatz zu den Mannschaften und Feldoffizieren waren die Oberkommandos beider Seiten von dem Geschehen wenig begeistert. Der Befehlshaber der British Expeditionary Force Sir John French - der den Winter im Gegensatz zu seinen Soldaten in einem kleinen Schloß 30 km hinter der Frontlinie verbrachte - drohte den Verantwortlichen mit Strafversetzungen und ließ in den darauffolgenden Wochen zahlreiche Einheiten an andere Frontabschnitte verlegen, um weitere Kontakte mit den gegenüberliegenden deutschen Einheiten zu verhindern. Eine ähnliche Haltung fand sich bei der deutschen Obersten Heeresleitung, wenn auch einige hochrangige deutsche Offiziere mit den Soldaten sympathisierten und darauf hinwiesen, daß der Waffenstillstand ja auch an manchen Stellen zur Verstärkung der Gräben genutzt worden war.
So einzigartig der Weihnachts-Waffenstillstand - besser als „Christmas Truce“ bekannt - war, so wenig Einfluß hatte er auf den Kriegsverlauf. In den französisch oder belgisch besetzten Abschnitten war es kaum zu Fraternisierungen gekommen - zu tief saß der Haß auf die Besatzer, die entlang der ganzen Front auf heimatlichem Boden standen. Dennoch wird dieses Ereignis immer gerne zitiert, als Beweis dafür, daß selbst in diesem Krieg die Soldaten noch ihre Waffen senken und Menschlichkeit zeigen konnten.
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