Endlich Frieden
Nach mehr als vier Jahren Krieg in fast allen Teilen der Welt haben die kriegführenden Mächte am 11. November 1918 endlich einen Waffenstillstandsvertrag abgeschlossen. 17 Staaten waren an den Kampfhandlungen beteiligt. Auf Seiten der Entente sind 5,5 Millionen Soldaten gefallen, bei den Mittelmächten 2,9 Millionen. Dazu kommen erhebliche Zivilverluste auf Seiten der Armenier (vier Millionen, die überwiegend durch Hunger starben) und Serben (eine Million).
Auch die Verluste an Kriegsmaterial übersteigen alles bisher Dagewesene. Allein die Verluste an Kriegsschiffen sind enorm: England 197 Einheiten (mit 550.000 Tonnen), Frankreich 54 Einheiten (111.000 Tonnen), Italien 29 Einheiten (76.000 Tonnen), Japan 9 Einheiten (50.000 Tonnen), USA 4 Einheiten (17.000 Tonnen), Deutschland 354 Einheiten (davon 205 U-Boote, 350.000 Tonnen), Österreich 25 Einheiten (65.000 Tonnen). Die Vernichtung von Jahren an Industrieproduktion im Landkrieg ist aber noch größer und hinterläßt ausgelaugte Volkswirtschaften in ganz Europa, die erst allmählich wieder auf Friedensproduktion umstellen können.
Revolution in Deutschland
In Deutschland marschiert nach dem Aufstand der Kieler Matrosen die linksgerichtete Revolution, die im Reichskabinett mitregierende SPD fordert am 7. November die Abdankung des Kaisers, um den Forderungen der Revolutionäre entgegenzukommen und einen Neuanfang zu schaffen. Am 9. November legt Wilhelm II. die Krone nieder und geht, von wenigen Getreuen begleitet, ins holländische Exil. An diesem Tag ruft der sozialdemoktratische Abgeordnete Phillip Scheidemann von einem Fenster des Berliner Reichstagsgebäudes die Republik aus. Etwas später ruft Karl Liebknecht aus dem Berliner Stadtschloß (das Portal, das heute noch im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR zu sehen ist) die “freie sozialistische Republik” aus, die nach sovietischem Vorbild organisiert sein soll. Letztlich können sich die radikalen Sozialisten aber nicht gegen die bürgerlichen und konservativen Kräfte und die loyalen Truppen durchsetzen.
Auch Kaiser Karl I. von Österreich verzichtet am 11. November auf die Regentschaft und geht ins Exil. In den deutschen Bundesstaaten danken die Fürsten einer nach dem anderen ab. Die deutsche Hochseeflotte wird nach dem britischen Hauptstützpunkt Scapa Flow verbracht, um sie unter Kontrolle zu halten. Sie entzieht sich durch Selbstversenkung der Aufteilung an die Sieger.
Der Versailler Vertrag
Am 18. Januar 1919 beginnen die Friedensverhandlungen in Versailles, dieser Tag ist sowohl der Gründungstag des Königreichs Preußen (1701 in Königsberg) als auch des Deutschen Kaiserreiches (1871). Zu den Friedensverhandlungen sind die Mittelmächte gar nicht erst eingeladen worden, der Friede wird von der Entente diktiert.
Die Bedingungen des Vertrages vom 28. Juni 1919 sind hart: Deutschland darf lediglich ein Berufsheer von 100.000 Mann unterhalten, ohne schwere Waffen, Panzer oder Flugzeuge. Die Marine wird auf 15.000 Mann beschränkt, U-Boote und Großkampfschiffe sind verboten. Deutschland soll 226 Millionen Goldmark Kriegsentschädigung innerhalb von 42 Jahren zahlen, dies wird allerdings erst 1921 festgelegt. Österreich und Deutschland wird untersagt, sich zu einem Staat zusammenzuschließen.
Umfangreiche Gebietsabtretungen werden festgelegt: Elsaß-Lothringen geht an Frankreich, Posen und Westpreußen an Polen (Ostpreußen ist damit vom Reich getrennt), das Memelland an Litauen. Abstimmungen in einigen Gebieten bringen Eupen-Malmedy zu Belgien und Nordschleswig an Dänemark. Ostoberschlesien entscheidet sich zwar mehrheitlich für Deutschland, wird aber von den Siegern trotzdem an Polen gegeben. Das südliche Ostpreußen verbleibt bei Deutschland, ebenso wie das westliche Oberschlesien. Danzig wird als “Freie Stadt” selbständig (eine Institution, die Frankreich übrigens schon 1806 an Preußen diktierte) und soll als Polens Hafen dienen - in der Folgezeit versucht Polen die Stadt an sich zu reißen und baut als Konkurrenzhafen Gdingen aus dem Nichts auf. Zudem muß Deutschland auf sämtliche Kolonien verzichten - die meisten afrikanischen Besitzungen erhält England außer Teilen Togos und Kamerun, Australien erhält Neuguinea, Samoa und Nauru, Japan die Marianen. Insgesamt sind die Vertragsbedingungen trotz aller gutgemeinten Versuche einer Linderung unhaltbar und werden von Deutschland nur unter Protest akzeptiert, weil man keine andere Wahl hat. Der französische Marschall Foch bemerkt dazu: “Das ist kein Frieden, das ist ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre”. Er sollte recht behalten - aufs Jahr genau.
Verluste anderer Länder
Auch andere Länder erleiden schwere Territorialverluste: die österreich-ungarische Monarchie wird aufgelöst und zerfällt in die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich. Galizien geht weitgehend an Polen, während Kroatien, Slowenien, die Voivodina und Bosnien an das neugebildete Jugoslawien unter serbischer Führung fallen. Ungarn verliert Siebenbürgen an Rumänien, was viele Ungarn unter fremde Herrschaft bringt (auch in der Voivodina). Die Türkei verliert Arabien, Syrien, Palästina, Jordanien, den Libanon und den Irak und wird auf ihre heutige Größe reduziert.
Auf Seiten der Sieger muß Rußland umfangreiche Verluste hinnehmen: Polen wird unabhängig und erhält nach einem erbitterten Krieg gegen die Sowjets (bis 1921) Teile Weißrußlands und der Ukraine, zudem besetzt es die litauische Hauptstadt Wilna. Finnland und die Baltenstaaten erlangen ihre Unabhängigkeit, während die ursprünglich ebenfalls unabhängigen Staaten Weißrußland, Ukraine, Armenien, Georgien und Aserbeidschan im Bürgerkrieg von den Soviets zurückerobert werden.
Die Sieger triumphieren - und haben doch verloren
Der Krieg hinterläßt England mit einem gestärkten Kolonialreich, die lange angestrebte direkte Landverbindung Kairo-Kapstadt in Afrika ist Wirklichkeit. Auch Frankreich profitiert und ist die neue Vormacht in Europa, es schließt mit den neuen Staaten Ost- und Mitteleuropas gegen Deutschland und die Sovietunion gerichtete Bündnisverträge ab. Japan kann seine Besitzungen im Pazifik ausbauen, und die USA haben den Schritt vom in sich gekehrten Land zur Großmacht getan. Rußland ist vorerst mit sich selbst beschäftigt, jedoch bringen die Soviets durch ihren Terror unter enormen Opfern auch Fortschritt, der den späteren Aufstieg zur Supermacht vorbereitet.
Jedoch hat der Krieg Europa zerrüttet, die alte Zeit des Wohlstandes und des Friedens ist vorbei und die Moderne beginnt. Eine tiefe Unsicherheit nach dem Zerfall jahrhundertealter Strukturen ist die Folge, die Welt verändert sich immer schneller. Die neuen Staaten zeigen sich häufig als instabil und fallen einer nach dem anderen Diktaturen zum Opfer, genau wie Italien, Deutschland und Spanien. Zudem hat der Krieg das Bewußtsein der Menschen verändert, die Furcht vor einem neuen Krieg ähnlichen Ausmaßes ist groß und fördert pazifistische Tendenzen. Sie ist auch ein Grund für die spätere Appeasementpolitik der Westmächte. Zwar hat Frankreich den Krieg gewonnen, hat sich aber dabei verausgabt und ist stark ausgeblutet. Die Moral der Franzosen hat gelitten, ein Grund für die schnelle Niederlage 1940. Großbritannien ist nun unbestrittene Vormacht zur See, jedoch rüsten die USA in großem Stil auf und unterhalten bald eine ähnlich große Flotte. England hat zunehmend Schwierigkeiten, seine Macht zu erhalten, der Krieg hat an den Reserven gezehrt und der Wirtschaft geschadet - das Land hat seinen Zenith überschritten.
Fazit und Ausblick
Am Schluß des Weltkrieges verlieren also - bis auf die USA - eigentlich alle Kriegsteilnehmer. Auf dem Papier sind die Ententestaaten zwar die Sieger, haben sich aber bei der Niederringung der Mittelmächte übernommen und stehen vor dem Niedergang. Deutschland ist zwar gedemütigt, aber noch lange nicht ausgeschaltet. Die unerträglichen Friedensbedingungen führen den Zweiten Weltkrieg herauf, der die Vorherrschaft der Europäer beseitigt und das alte Europa entgültig untergehen läßt. Die Zukunft gehört den Supermächten, die aus der endgültigen Niederwerfung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg erstehen.
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