Russisches Linienschiff "Tsesarevich"
|
Im Rahmen ihres großen Bauprogrammes von 1897 plante die kaiserlich-russische Marine unter anderem den Bau von sechs kampfstarken Linienschiffen. Allerdings galten die russischen Werften im Hinblick auf modernen Kriegsschiffbau zu dieser Zeit nur als zweitklassig. Umgekehrt genossen die Linienschiffe der Marine National wie die Charles Martel oder die Charlemagne damals einen hervorragenden Ruf und seit 1891 waren Frankreich und Rußland eng verbündet - was lag also näher, als sich an den erfahrenen Verbündeten um Hilfe zu wenden?
Die Planung der zaristischen Marine sah dementsprechend vor, bei einer französischen Werft ein modernes Schiff nach russischen Vorgaben bauen zu lassen und dann dieses auf russischen Werften nachzubauen.
Als Bauwerft wählten die Russen die Privatwerft "Forges et Chantiers Mediterranee de la Seyne" in Toulon, bei der am 1. Juni 1899 der Kiel des neuen Schiffes gelegt wurde. In dem Entwurf fanden sich die meisten der damals in in französischen Schiffen üblichen Merkmale wieder: Ein in der Wasserlinie ausgewölbter Rumpf um die Stabilität zu verbessern, Mittelartillerie in Türmen statt den sonst üblichen Kasematten, schwergepanzerte zylindrische Türme für die Hauptartillerie, massive Gefechtsmasten und ein ausgeprägter Rammbug. Tatsächlich sollten sich einige dieser "fortschrittlichen" Merkmale später als recht zweischneidig erweisen, aber zum Zeitpunkt des Baues galt das Schiff als revolutionär. Dazu trugen nicht zuletzt auch die vom Chefkonstrukteur der französischen Marine, Emile Bertin, entworfenen Torpedoschotts bei - die ersten derartigen Einrichtungen auf einem Kriegsschiff.
Am 1. Februar 1901 wurde das Schiff unter dem Namen Tsesarevich vom Stapel gelassen und schließlich am 18. August 1903 in den Dienst der Marine übernommen. Die ersten Monate ihrer Dienstzeit verbrachte sie darauf in der Ostsee mit Ausbildungsfahrten, bevor sie die lange Reise nach Port Arthur an der Ostküste Chinas antrat. Dort sollte sie als Flaggschiff des russischen Pazifikgeschwaders unter VAdm. Stark ihren Dienst verrichten.
|
|
|

Die Tsesarevich als Flaggschiff des Pazifischen Geschwaders
|
|
|
|
Der Russisch-Japanische Krieg began für die Tsesarevich mit einem Paukenschlag, als in der Nacht vom 8./9. Februar japanische Zerstörer vor Port Arthur erschienen und sie torpedierten. Der Torpedo traf sie auf höhe des Achteren Turmes an der Steuerbordseite und riß ein Leck in die Außenhaut und eines der Panzerquerschotte. Dadurch liefen zwei Abteilungen voll und die Rudermaschine wurde beschädigt. Weitere Torpedos trafen das Linienschiff Retvizan und den Kreuzer Pallada.
Etwa einen Monat lag sie danach beschädigt im Hafen, bevor schließlich der neue Befehlshaber des Pazifikgeschwaders, VAdm. Stepan Osipovich Makarov, in Port Arthur ankam und mit ihm auch einige Schiffbauingenieure und 200 Werftarbeiter der Admiralitäts-Werft Petersburg, die sogleich die Reperatur in Angriff nahmen. Doch der energische und mitreißende Makarov, der den Japanern gewiß ein würdiger Gegner gewesen wäre, sollte nie auf der Brücke der Tsesarevich stehen: Noch Abschluß der Arbeiten sank er am 31. März 1904 mit der Petropavlovsk auf einer japanischen Mine.
Die folgenden Monate verbrachte die Tsesarevich mit dem Pazifikgeschwader auf der Reede von Port Arthur. Ihr neuer Befehlshaber KAdm. Vitgeft zog es vor, die Linienschiffe zur Verstärkung der Küstenbatterien im Hafen zu behalten. Das ging soweit, daß er sogar Befehle des Vizekönigs Alekseev zu einem Ausbruch nach Vladivostok mißachtete. Erst einem direkten Befehl des Zaren in diesem Sinne vom 7. August 1904 konnte er sich nicht mehr widersetzen. Drei Tage später verließ das Geschwader Port Arthur, um sich den Weg nach Norden freizukämpfen. An der Spitze fuhr als Flaggschiff die Tsesarevich, dahinter die Linienschiffe Retvizan, Pobieda, Peresviet, Sevastopol und Poltava. Auf Parallelkurs begleitete sie die Kreuzerdivision unter KAdm. Reichenstein.
Doch die Japaner hatten den Ausbruch erwartet und stellten sich ihnen mit einer Division aus vier Linienschiffen und zwei Panzerkreuzern in den Weg. Anfangs hielten sich die Russen jedoch hervorragend und es sah schon so aus, als würde der Ausbruch gelingen, als eine Salve des japanischen Flaggschiffes Mikasa zwei Volltreffer in der Brücke der Tsesarevich erzielte. Vitgeft und die gesamte Brückenbesatzung wurden dadurch getötet und das Schiff brach mit Ruder hart-backbord aus der Schlachtlinie aus. Der Kommandant der direkt nachfolgenden Retvizan hatte von dem Treffer nichts mitbekommen und folgte dem Flaggschiff, gleiches galt für die in Feuerlee fahrende Kreuzerdivision. Erst nach einer Weile wurde Vitgefts Stellvertreter auf der Peresviet klar, daß die Tsesarevich steuerlos war und befahl einen sofortigen Gefechtsabbruch. Der Befehlshaber der Kreuzerdivision wiederum übersah der Abbruchbefehl (oder ignorierte ihn?) und befahl seinen Schiffen den Durchbruch auf eigene Faust.
Während nun langsam die Nacht hereinbrach, die russische Flotte nach Port Arthur zurückkehrte und die Kreuzer mit Volldampf den Japanern zu entkommen suchten, gelang es an Bord der Tsesarevich das Notruder in betrieb zu nehmen und unbehelligt den nächsten neutralen Hafen, die deutsche Kolonie Tsingtao, anzusteuern. Dort wurde das Schiff für den Rest des Krieges interniert.
|
|
|

Die Tsesarevich während des Russisch-Japanischen Krieges
|
|
|
|
Nach der Unterzeichnung des Friedens von Portsmouth im September 1905 wurde die Tsesarevich wieder freigegeben und nach Kronstadt zur Überholung verlegt. Dort bildete sie mit der Slava und später den beiden 1910 fertiggestellten Schiffen der Imperator Pavel I.-Klasse bis zum Kriegsausbruch die Hauptmacht der Ostseeflotte. 1906 waren Landungstruppen der Tsesarevich auch an der Niederschlagung der Meuterei in der finnischen Festung Sveaborg beteiligt.
Nachdem im Herbst 1914 schließlich die neuen Dreadnoughts der Gangut-Klasse in Dienst gestellt wurden, erhielten Tsesarevich und Slava als neue Aufgaben die Ausbildung der Kadetten der Ostseeflotte und den Küstenwachdienst an der baltischen Küste. Dazu kam noch der gelegentlich Einsatz als Rückhalt für Minenlegeoperationen.
Nach der Februarrevolution 1917 ging die Macht im Zarenreich effektive an die neue provisorische Regierung unter Kerenski über. Diese bemühte sich alle Symbole der absolutistischen Zarenherrschaft nach und nach zu beseitigen. Einer der ersten Schritte war dabei die Umbenennung diverser Kriegsschiffe, darunter die Tsesarevich (was ja der Titel des Kronprinzen war). Diese hieß fortan Grazhdanin. Unter diesem Namen nahm sie an ihrem letzten Gefecht im Golf von Riga am 5. Oktober 1917 teil.
Bei dieser Aktion versuchte ein russischer Verband aus ihr, der Slava und dem Panzerkreuzer Bayan die Landung der Deutschen auf den baltischen Inseln zu unterbinden. Dabei trafen sie auf die beiden deutschen Dreadnoughts König und Kronprinz. Tsesarevich und Bayan konnten sich nach einigen Treffern zurückziehen, aber die Slava mußte mit schwerer Schlagseite aufgegeben werden und wurde von einem eigenen Zerstörer versenkt. Zur Reperatur ihrer Schäden auf diesem Gefecht wurde die Tsesarevich erst nach Helsingfors, später nach Kronstadt zur Reperatur verlegt, wo sie während der Februarrevolution mehrere Treffer durch die Artillerie meuternder Schiffe erhielt..
Ohne das eine Reperatur stattgefunden hätte, wurde das Schiff schließlich nach der Auflösung der Flotte durch die Sowjets Ende Januar 1918 zur Verschrottung freigegeben, die jedoch aufgrund der britischen Intervention in der Ostsee erst in den Jahren 1923-25 stattfand.
|
|
|

Rißzeichnung der Tsesarevich
|
|
|
| - Technische Daten - |
Abmessungen
Verdrängung: 12.900 ts normal, 13.100 ts maximal
Länge über alles: 118,5 m
Breite: 23,2 m
Tiefgang: 7,9 m
Besatzung: 782
Bewaffnung
vier 30,5cm L/40
zwölf 15,2 cm L/45
sechzehn 7,5 cm L/50
sechzehn 3pdr
zwei 1pdr Pompoms
zwei 38 cm Torpedorohre (Bug, Heck)
Panzerung
Seite: 250 mm
Deck: ? mm
Kommandoturm: 250 mm
Geschütztürme: 250 mm
Antrieb
zwei Dreifach-Expansionsmaschinen auf zwei Wellen, 20 Belleville-Kessel
Brennstoffvorrat: 2.100 t Kohle
Reichweite: 3.700 sm bei 10 kn
Leistung
Gesamtleistung: 16.300 PSi
Höchstgeschwindigkeit: 18 kn
|
|
|
|
 |