Die deutschen Kolonien - Neuguinea und die Inseln des Stillen Ozeans
Die Geschichte des deutschen Engagements in diesem Teil der Welt begann mit der Suche europäischer Händler nach neuen Quellen für das in der aufstrebenden Industrie viel genutzte Kopra, d.h. getrocknetes Fleisch von Kokosnüssen zur Ölherstellung. Bereits um 1860 begann die Hamburger Firma Johann Cesar Godeffroy & Sohn, in der Region mit Kopra und anderen Kokosprodukten Handel zu treiben, und überzog die Südsee mit einem Netz aus 45 Niederlassungen und Agenturen.
Bereits 1826 hatten die Niederländer den Westteil Neuguineas in Besitz genommen, um den noch freien Ostteil der Insel entwickelte sich ein Wettrennen zwischen dem Deutschen Reich und England. Das ernsthafte Engagement Deutschlands nahm seinen Anfang mit der Gründung einer Gesellschaft, welche ein größeres Kolonialunternehmen in der Südsee in Angriff nehmen wollte, am 11. November 1880 in Berlin. In einer Denkschrift an den Reichskanzler wurden verschiedene diesbezügliche Vorschläge unterbreitet, die das Unternehmen unter den Schutz der deutschen Regierung stellen sollten. Am 15. Februar des darauffolgenden Jahres bekam man eine abschlägige Antwort, eine Kolonisierung dieser Region müsse in Eigeninitiative angegangen werden, für welche die Regierung aber Schutz in Marine- und Konsularangelegenheiten bereitstellen wolle. Am 26. Mai 1884 konstituierte sich die "Neuguinea-Gesellschaft" endgültig mit dem Ziel, in der Südsee ein Staatswesen unter dem Schutz des Deutschen Reiches zu schaffen. Die Durchführung wurde der "Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft" übertragen. Der Reichskanzler Otto von Bismarck bekundete die Absicht, von der Unternehmung erworbene Ländereien unter den Schutz des Reiches zu stellen. Die Leitung des Unternehmens oblag dem Forschungsreisenden Dr. Otto Finsch, der im September 1884 von Sydney aus seine Reise in die zu erschließenden Gebiete antrat.
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Dr. Otto Finsch, Anführer der Expedition zur Inbesitznahme Neuguineas
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Bereits am 3. November 1884 hißten die Kommandanten der beiden das Forschungsschiff Samoa begleitenden deutschen Kriegsschiffe, SMS Elisabeth und Hyäne, auf der Insel Matupi im Bismarck-Archipel in Anwesenheit von Dr. Finsch, die deutsche Flagge und stellten das Gebiet unter deutschen Schutz. In den nächsten Wochen wurden diese Flaggenhissungen überall im zu erschließenden Gebiet wiederholt, Verhandlungen mit England vom 4. bis 10. März 1885 stellten den Erwerb auch gegenüber den rivalisierenden Kolonialmächten sicher. England erhielt den südlichen Teil der noch freien Inselhälfte, während Deutschland den Norden behielt, das Gebiet wurde nun Kaiser-Wilhelm-Land genannt. Neben dem Nordosten Neuguineas und dem Bismarck-Archipel bestand das neue Schutzgebiet auch aus den Inselgruppe der Marshall-Inseln sowie einem Teil der Salomonen. Am 17. Mai 1885 stellte Kaiser Wilhelm I. einen Schutzbrief zugunsten der Neuguinea-Compagnie aus, durch welchen ihr die Landeshoheit übertragen wurde, diese wurde von einem Landeshauptmann im Auftrag der Gesellschaft ausgeübt. Die Compagnie benutzte von nun an eine eigene Flagge, die der deutschen Kriegsflagge angelehnt war, auch eine eigene Währung, die "Neuguinea-Mark", wurde eingeführt, die erst 1911 außer Kurs gesetzt wurde. Im Oktober wurden die Marshall-Inseln auch formell in Besitz genommen, ein Jahr später erfolgte derselbe Vorgang auf den Salomonen. Im Jahr 1888 nahm man auch die phosphatreiche Insel Nauru in Äquatornähe in Besitz.
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Goldmünze 20 Neu-Guinea-Mark. Man beachte den Paradiesvogel auf der Rückseite
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Inzwischen machte man sich daran, eine eigene Infrastruktur zu schaffen. Regelmäßige Schiffahrtsverbindungen wurden eingerichtet, Telegraphenleitungen gelegt und Postämter eröffnet, die eine zuverlässige Kommunikation innerhalb des riesigen Gebietes ermöglichten, das schließlich von 10° südlicher bis auf 20° nördlicher Breite und von 130° bis 173° östlicher Länge reichte. Gleichzeitig wurden Forschungsexpeditionen ausgerüstet, die das unbekannte Landesinnere Neuguineas erkundeten. Sie entrissen dem völlig unerkundeten Land seine Geheimnisse und hinterließen mancherlei Spuren auf den Landkarten, so trägt der höchste Berg im Landesinneren des heutigen Papua-Neuguinea immer noch den Namen "Mount Wilhelm" (4509 m), auch ein "Mount Hagen" (3777 m) gemahnt an Urdeutsches wie das Nibelungenlied, obwohl er nach Kurt von Hagen, einem der Landeshauptmänner der Neuguinea-Compagnie, benannt wurde. Das Neubritannien-Archipel vor der Küste trug nun den Namen Bismarck-Archipel. Auch die Geologie war von Interesse, so stieß z.B. eine Expedition unter Leitung des Geologen Dr. Lauterbach ins Bismarckgebirge vor und untersuchte seine Gesteine, auch im Hinblick auf potentielle Rohstoffe, die man ausbeuten konnte. Nicht allen Expeditionen war Erfolg beschieden, manche wurden von Krankheiten oder Angriffen von Eingeborenen dahingerafft und zur Umkehr gezwungen.
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Die Flagge Deutsch-Neuguineas
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Am 1. April 1899 gingen die Hoheitsrechte der Compagnie auf das Deutsche Reich über, und am 30. Juni desselben Jahres kaufte das Reich auch die Marianen mit Ausnahme Guams sowie die Karolinen von Spanien. Statt des Compagnie-Landeshauptmannes übernahm nun ein vom Reich bestallter Gouverneur die Exekutivgewalt. Die Hauptstadt des Gebietes wurde 1906 nach Rabaul verlegt und die Infrastruktur weiter ausgebaut, so ließ z.B. die Reederei Norddeutscher Lloyd im Hafen von Rabaul einen Pier für 700.000 Mark anlegen. Im selben Jahr gab es die erste Fernsprechverbindung in Herbertshöhe, und 1907 wurde eine Expedition ausgerüstet, um nach günstigen Bedingungen für die Herstellung von Guttapercha (kautschuk-ähnlicher Stoff, früher u.a. für Kabelisolierungen verwendet) zu suchen. Auch wurde eine Kopfsteuer für die Eingeborenen eingeführt. Gleichzeitig kurbelte man ein Siedlungsprogramm an, es wurden 50.000 Hektar Land in Losen zu 150 Hektar zur Verfügung gestellt, um Kleinbauern anzusiedeln. Die Expeditionen fuhren fort, das Land zu erforschen, so wurde z.B. der Fluß Sepik (Kaiserin-Augusta-Fluß) kartiert. Auch auf den neuerworbenen Südseeinseln war noch viel Arbeit zu leisten, die Spanier hatten sie niemals kolonisiert und es gab keine an europäische Bedürfnisse angepaßte Infrastruktur.
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Einheit der Schutztruppe Neuguineas beim Exerzieren
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Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges war es mit der deutschen Kolonialherrschaft schnell vorbei: die Japaner besetzten die Südseeinseln, und australische Truppen nahmen Neuguinea und das Bismarckarchipel ein. Die Deutschen, die dort keine Schutztruppe, sondern lediglich eine bewaffnete Polizei unterhielten, konnten nur symbolischen Widerstand gegen die mit Unterstützung durch Kriegsschiffe landenden Soldaten leisten. Bereits am 12. August hatten die Australier versucht, die Funkstation in Neuguinea zu erstürmen, und am 12. September 1914 fiel Rabaul in ihre Hand. Nach dem Krieg wurde das ehemals deutsche Gebiet ein Mandat des Völkerbundes, die Südseeinseln nördlich des Äquators wurden unter japanische Verwaltung gestellt, der Rest ging an Australien. Lediglich Nauru wurde unter britisches Mandat gestellt. Im Zweiten Weltkrieg gehörten fast alle ehemals deutschen Südseeterritorien zum unmittelbaren Kampfgebiet, die Japaner bauten zahlreiche Inseln zu Festungen und Stützpunkten aus, die von den vorrückenden Amerikanern teils in blutigen Kämpfen erobert, teils umgangen wurden. Auch auf Neuguinea wurde heftig gekämpft. Erst lange nach dem Krieg erlangten die meisten Teile des von den Vereinten Nationen als Mandatsgebiete an Australien und die USA in Obhut gegebenen Gebietes die volle Unabhängigkeit, sie bilden nun mehrere Staaten wie die Marshallinseln, Mikronesien und Papua-Neuguinea. lediglich die Nördlichen Marianen verblieben unter US-Herrschaft und dienen als Luftwaffen- und Marinestützpunkte.
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Kaiser-Wilhelm-Land und das Bismarck-Archipel 1914 (Klicken zum Vergrößern)
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