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Dies ist ein amüsantes Beispiel dafür, wie sich das Geschichtsbild durch
Fehlinterpretationen im Bruchteil einer Sekunde verändern kann.
Bevor ich beginne, muss ich euch etwas über meine Tätigkeit als Ausgräber und
meine Interessen erzählen. Jahrelang sammelte ich Gewehrpatronenhülsen, die ich
vor Ort fand. Meistens war dies in einem Schützengraben, an dem wir gerade
Ausgrabungen machten. Abgefeuerte Hülsen erzählen eine individuelle Geschichte
des Schützen und der Waffe, wir stellen sie durch Untersuchung des Zündhütchens
fest, das eine Menge darüber aussagt, in welchem Zustand die Waffe beim Abfeuern
des Schusses war - zum Beispiel ob der Lauf sauber, schmutzig oder überhitzt
war. Auch die Art und Weise, in welcher der Schlagbolzen das Zündhütchen trifft,
lässt einzigartige Rückschlüsse zu. Auf diese Weise kann man die Anzahl der
feuernden Waffen in einer Stellung feststellen. An dieser Stelle hatte ich
Glück, weil Fortin17 (deutsche Stellung bei Ypern) ein MG 08 besaß, das nicht
funktionierte, und man auf diese Weise Gewehrpatronen leichter von MG-Patronen
unterscheiden konnte. Das Herstellungsdatum auf den Hülsen verrät uns, wer sich
wann dort aufhielt.
Zum Beispiel:
- Britische .303 datiert 1910 - 1912 und 1915 – 1917
- Französische 8 mm datiert 1911 - 1913
- Deutsche Mauser 7,92 datiert 1914 – 1916
Diese Daten sind keine Erfindung und wurden in Boezinge Fortin17 gefunden.
Man kann sagen, dass dieses Grabensystem vor dem April 1915 (Zweite Schlacht
von Ypern) in den Händen von französisch-britischen Truppen war. Nach diesem
Zeitpunkt wurde es eine deutsche Stellung bis zur Dritten Schlacht von Ypern
Ende 1917, als britische Truppen sie in ihrem Sturm auf Pilkem Ridge nahmen. Ich
war hingerissen von dieser Entdeckung - die Geschichte eines einzelnen Grabens
im Boden ablesbar. Wundervoll!
Bis zu dem Moment, in welchem mich ein texanischer Freund fragte, ob
Deutschland in den Jahren 1914-1915 immer noch Einheitsmunition mit
rundspitzigen Geschossen verwendete. Da ich solche nicht fand und keine
Herstellermarke vor 1908 datierte, mußte ich einen anderen in meiner Gruppe
fragen.
Aurel Sercu von den Ausgräbern informierte mich eine Woche später, daß auf
den Duckboards (Laufbretter am Grabenboden) von Fortin 17 Einheitspatronenhülsen
gefunden worden waren, allerdings mit durch Korrosion unleserlich gewordenen
Herstellermarken. Die abgefeuerten Geschosse wurden etwa 75 Meter entfernt
gefunden, in der Nachbarschaft des International Trench. Er schickte mir die
Bilder der Hülsen, die ihr hier sehen könnt. Und in der Tat waren sie stark
korrodiert, mit einigen Rostspuren vom Magazin.
Aber egal, dachte ich - dies sind 100%ig Einheitspatronenhülsen... so dachte ich
jedenfalls!
Das Merkwürdige an den Hülsen war der schlechte Zustand des Messings, alle
Hülsen die ich auf den Laufbrettern fand, waren blankes Messing - als ob sie
erst gestern heruntergefallen wären, wie man in einem der Bilder sehen kann. Wie
kam es also, daß sie so aussahen, als hätten sie die 80ß Jahre an der Oberfläche
verbracht? Ein weiteres Problem war, daß die Bilder nicht die wirkliche Größe
der Munition zeigten, und je mehr ich sie anschaute, desto mehr häuften sich
meine Zweifel.
Ich bat Aurel, die Hülsen zu vermessen und zu versuchen, eine der
Herstellermarken zu reinigen und leserlich zu machen. Seine Antwort war eine
große Überraschung, als er 7,92x53,78 maß und die Herstellermarke "VS 12"
lautete. Die Hülsen stammten nicht von deutscher Munition, sondern von
belgischen M1889 Patronen, die 1912 gefertigt wurden. Dies war ein großes
Rätsel, da sich belgische Truppen nicht in dieser Region aufgehalten hatten,
sondern fünf Kilometer weiter nördlich am Ijzer-Fluß/Kanal.
Also was hatten wir hier? Möglicherweise Deutsche mit erbeuteten belgischen
Waffen? Nein, eher nicht, da die Hülsen in schlechtem Zustand waren und von der
Oberfläche kamen, nicht aus dem Boden.
Es dauerte seine Zeit, bis wir des Rätsels Lösung herausfanden. Tony de Bruye
sagte mir, daß zwischen 1932 und 1936 die belgische Reichswacht dort ihre
Schießübungen mit M 1889 Karabinern abhielt, und zwar mit Munition, die vor dem
Ersten Weltkrieg hergestellt worden war... zum Heulen.
Als wir den alten Schützengraben ausgruben, fielen die Hülsen von der
Oberfläche in die Ausgrabung, als ob sie immer da gelegen hätten. Dieser
Zwischenfall zeigt, wie leicht eine "Verschmutzung der Geschichte" zustande
kommen kann, wenn man nicht aufpaßt. Jüngeres Material kann leicht in die
Ausgrabung fallen, so daß man zu völlig falschen Schlußfolgerungen gelangt.
Das war vor zwei Jahren in Ypern, und mittlerweile kann ich auch drüber
lachen.
Euer Chiel88

Verwitterte rundspitzige Munition, von Aurel gefunden

Von mir auf dem Grabenboden gefundene gut erhaltene Messinghülsen
Deutsch von Jagdpanther
05. August 2005 - 23:22 ( Chiel88 )
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