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FL18 - Frontline18 .:. Die Brussilow-Offensiven

:: Die Brussilow-Offensiven ::

Die Brussilow-Offensiven

Die Chantilly-Offensiven

Ende 1915 beschlossen die Ententemächte auf der Zweiten Konferenz von Chantilly eine neue Serie von Offensiven, um gegen die Mittelmächte die Initiative zu gewinnen und den Krieg nach den Rückschlägen der ersten beiden Jahre zu ihren Gunsten zu wenden. Sie wurden später als Chantilly-Offensiven bekannt. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf der Ostfront und dem Balkan, wo die Position der Alliierten am schwächsten war: Rußland verfügte über keine nennenswerte Kriegsindustrie und litt einen starken Mangel an schwerem Gerät, Fahrzeugen, Flugzeugen und Munition, der wegen der Seeblockade der Mittelmächte in der Ostsee und dem Schwarzen Meer nicht behoben werden konnte. Auf dem Balkan war um den Jahreswechsel 1915/1916 Serbien unter entsetzlichen Verlusten zusammengebrochen, was die Ententeposition dort beinahe völlig vernichtet hatte. Nur unter Verletzung der griechischen Neutralität klammerte sich die britisch-französische Orientarmee an der Küste fest, ohne jedoch Entscheidendes bewirken zu können. Man hoffte, mit einem Vorstoß von allen Seiten zugleich die Mittelmächte ins Wanken zu bringen und so möglicherweise das zögernde Rumänien zum Kriegseintritt auf alliierter Seite zu bewegen. Das würde eine beträchtliche Stärkung der eigenen Position bedeuten und möglicherweise ausreichen, einen entscheidenden Erfolg an einer der Fronten zu erringen. Man verließ sich dabei auf die enorme materielle Überlegenheit, welche durch die ungebremste Einfuhr von Industriegütern und Waffen über die offenen Weltmeere ermöglicht wurde, sowie auf die riesigen Menschenmassen des Zarenheeres.

Vorbereitungen

Während Engländer und Franzosen eine entscheidungssuchende Großoffensive im Sommebogen vorbereiteten und die Italiener einmal mehr planten, am Isonzo nach Österreich-Ungarn einzubrechen, traffen die Russen Maßnahmen zu einem massiven Großangriff entlang großer Teile der Ostfront. Dabei war vorgesehen, im Raum Litauen und Wolhynien entlang fast der gesamten Frontbreite mit allen verfügbaren Kräften anzugreifen. Zwar waren die Russen ihren Gegnern zahlenmäßig erheblich überlegen, aber der Mangel an Kriegsmaterial fast jeder Art relativierte diesen Vorteil. Der Oberbefehlshaber der russischen Südwestfront, General Alexei Aleixeiewitsch Brussilow (1853-1926), wurde aufgefordert, mit seinen Kräften einen “wuchtigen Nebenangriff” eine Woche vor dem geplanten Hauptstoß am 10. oder 11. Juli zu führen. General Brussilow schlug dem russischen Großen Hauptquartier Stawka einen alternativen Plan vor, um die Hauptstoßrichtung zu verschleiern, nämlich einen massiven simultanen Angriff aller vier Armeen der Südwestfront, um hier den Hauptangriff vorzutäuschen. Gleichzeitig entwickelte Brussilow eine neue unorthodoxe Angriffstaktik, welche die materiellen Gegebenheiten der russischen Kräfte berücksichtigte (Mangel an schweren Geschützen und Munition). Nach kurzer, intensiver Artillerievorbereitung sollten Spezialtruppen die gegnerischen Gräben einnehmen, erst dann sollte die Masse der Infanterie folgen und das Erreichte sichern. Der Verzicht auf das übliche Trommelfeuer verkürzte die Zeit für die Verteidiger, Verstärkungen gegen den zu erwartenden Angriff heranzuführen und bot einen operativen Vorteil.


General Brussilow auf dem Titelblatt einer englischen Zeitschrift, 24. Juni 1916

Gegnerische Offensiven

Während sich diese Ereignisse abspielten, hatten die Mittelmächte ihrerseits die Initiative ergriffen und Offensiven im Westen und an der Italienfront eingeleitet. Während das deutsche Heer gegen die Festung Verdun anrannte, hatten die Österreicher in Südtirol eine Großoffensive begonnen, welche die Italiener in eine kritische Lage brachte und sie bewog, die anderen Verbündeten zum Vorziehen ihrer Offensivpläne zu bewegen. Die Russen lehnten unter dem Eindruck der katastrophalen Fehlschläge im letzten Jahr mit der Begründung ab, ein Angriff könne frühestens im Spätsommer stattfinden, lediglich Brussilow stimmte für einen früheren Angriffstermin und konnte sich damit auch durchsetzen und den Termin um einen Monat vorziehen. Allerdings mußte er allein angreifen, ohne Unterstützung der anderen Generäle - dies wird vielfach auf Mißgunst zurückgeführt, die anderen Feldherren wollten ihm angeblich keinen Erfolg gönnen. Die Mittelmächte hatten währenddessen einen erheblichen Teil ihrer Truppen von der Ostfront abgezogen, um ihre Offensivvorhaben im Westen und Süden durchführen zu können. Insbesondere die Österreicher hatten ihre Front stark geschwächt und Eliteeinheiten durch weniger erfahrene Kräfte ersetzt, da man glaubte, mit den materiell unterlegenen Russen leichtes Spiel zu haben. Die russischen Fliegerkräfte führten unterdesseneine eine minutiöse Luftaufklärung durch, welche ihnen genaue Informationen über die zu stürmenden Stellungen gab. Erst kurz vor dem Angriffstermin wurde die russische Artillerie in vorwärtige Positionen gelegt, was der Aufklärung des Gegners kaum Ansatzpunkte gab.


Russische Kavallerie auf dem Vormarsch überquert eine Brücke

Die Mittelmächte wanken

Am 4. Juni 1916 startete die russische Südwestfront ihren Großangriff entlang eines etwa 450 Kilometer langen Frontabschnitts in Galizien und Wolhynien unter Beteiligung aller dort eingesetzten vier Armeen. Nach kurzer Artillerievorbereitung stürmten die Russen die gefährlich geschwächten österreichischen Positionen und überrumpelten den Feind. Der Angriff erfolgte ausgerechnet an der schwächsten Stelle der gesamten Ostfront, und die Erfolge der Angreifer waren sensationell. Binnen weniger Tage wurden die österreichischen 4. und 1. Armeen um 70-80 Kilometer zurückgeworfen, und am 7. Juni fiel die polnische Stadt Luzk in russische Hand. Dabei machten die Russen zahlreiche Gefangene und fügten den demoralisierten Gegnern hohe Verluste zu, gleichzeitig wurde der ohnehin schwache Zusammenhalt der bunt gemischten Truppen des morschen Österreich noch mehr zermürbt und es liefen in großem Umfang Österreicher slawischer Herkunft zu den Russen über. Insgesamt verloren die Österreicher in den ersten drei Tagen des russischen Angriffs über 200.000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen (etwa die Hälfte). Lediglich der Angriff gegen die deutschen Frontlinien bei Kowel blieb in schwerem Feuer liegen. Gleichzeitig stieß die russische 9. Armee unter General Leschitzky in der Bukowina gegen die 7. österreichische Armee vor und erzielte beträchtliche Erfolge, am 18. Juni fiel Czernowitz in ihre Hände. Die Mittelmächte wurden über den Dnjestr und die Pruth zurückgeworfen und bis zum 28. Juni an die Karpatenkämme zurückgedrängt, dann erlahmte die russische Offensivkraft wegen überdehnter Nachschubwege und feindlicher Verstärkungen. Dennoch waren die Österreicher schwer angeschlagen, ein Zusammenbruch der Front und ein russischer Einfall in Ungarn waren in greifbare Nähe gerückt. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse gab Rumänien seine zögernde Haltung auf und trat am 17. August auf Seiten der Entente in den Krieg ein, drei rumänische Armeen rückten über die Karpathen gegen das österreichische Siebenbürgen vor, und ein entscheidender alliierter Sieg im Osten schien sich anzubahnen. Zusammen mit den Angriffen der Westalliierten an der Somme und einer neuerlichen Isonzooffensive der Italiener wuchs der Druck auf die Mittelmächte gefährlich an, die kühnsten Träume der Politiker und Generäle schienen wahr zu werden. Die sogenannte Erste Brussilow-Offensive war ein voller Erfolg gewesen.


Eine von den zurückweichenden Österreichern zerstörte Brücke

Das Blatt wendet sich

Die Mittelmächte wurden durch diese katastrophale Entwicklung überrascht und aus dem Konzept gebracht, und dies kostete den bisherigen Chef der deutschen Obersten Heeresleitung General von Falkenhayn seine Stellung, er wurde durch Generalfeldmarschall von Hindenburg und General Ludendorff ersetzt. Man machte sich sofort daran, die Situation zu wenden und Verstärkungen heranzuführen. Die Österreicher stellten ihre Offensive in Südtirol ein und verlegten in großem Umfang Truppen nach Osten, und die Deutschen konnten trotz der Verluste bei Verdun und der laufenden britischen Großoffensive an der Somme noch fünfzehn Divisionen im Westen abzweigen. Gleichzeitig änderte sich die russische Taktik, die konservativen Kollegen Brussilows führten mit ihm gemeinsam die Angriffe im ganzen Südabschnitt weiter und setzten dabei auf den althergebrachten Massenansturm nach vorherigem Trommelfeuer; die war durch eine entschiedene Verbesserung in der Munitionsversorgung der Russen möglich geworden. Der verfrühte Angriff der Südwestfront erwies sich nun als unvorteilhaft, denn die Mittelmächte hatten Zeit gefunden, Verstärkungen heranzuführen, so daß die neuerlichen Offensiven der Russen auf wohlvorbereitete Gegner trafen. Die Aufgabe der Sturmtruppentaktik führte dazu, daß auch massivste Angriffe der Russen unter ungeheuren Verlusten immer wieder vor den feindlichen Stellungen liegenblieben, und die vorher so erfolgreichen russischen Heere bluteten förmlich aus. Die Zweite Brussilow-Offensive, die am 8. August begann und auf Galizien und die Bukowina zielte, war schon weniger erfolgreich als die erste. Zwar brachten die Russen die Österreicher in eine gefährliche Lage, so daß sie ihre Front zurücknehmen mußten, allerdings konnte ein Durchbruch verhindert werden und die Russen erlitten schwere Verluste. Gleichzeitig hatten die Rumänen ihre hervorragende Ausgangsstellung durch ungeschicktes Operieren verspielt und waren von unterlegenen deutsch-österreichischen Kräften vernichtend geschlagen worden. Zwar wurden die Wechselwirkungen der alliierten Großoffensiven an allen Fronten deutlich spürbar, und die Mittelmächte mußten ihre eigenen Angriffe größtenteils abbrechen. Allerdings machte sich bei ihnen auch der Vorteil der inneren Linie bemerkbar, der es ermöglichte, rasch Truppen von einer Front zur anderen zu verlegen, und die große Überlegenheit der Defensive im Stellungskrieg machte der Entente einen Strich durch die Rechnung. Während Engländer und Italiener an Somme und Isonzo zu Hunderttausenden ins gegnerische Feuer stürmten und trotz verzweifelter Anstrengungen und unter schwersten Verlusten keinen Erfolg gegen die Verteidiger zu erringen vermochten, rieben sich die Russen an der Ostfront in ähnlicher Weise auf und verzehrten die wenigen Reserven, die sie besaßen. Gleichzeitig begann eine neuerliche deutsche U-Bootoffensive den Briten schweres Kopfzerbrechen zu bereiten, und die Seeschlacht im Skagerak hatte gezeigt, daß sich die Hochseeflotte vor den Ententeseestreitkräften nicht zu verstecken brauchte - schwere Rückschläge für die koordinierten Kriegsanstrengungen der Verbündeten. Währenddessen führten die deutsch-österreichischen Armeen von Siebenbürgen her einen erfolgreichen Bewegungskrieg gegen Rumänien, von Süden her kräftig durch Bulgaren und Türken unterstützt. Die zur Unterstützung der Rumänen geführte Dritte Brussilow-Offensive, die von Mitte Oktober bis Dezember 1916 gegen die Karpaten und gegen Südpolen geführt wurde, brachte auch keine Wende mehr. Die Russen wurden von den verstärkten Verteidigern auf Distanz gehalten und erlitten furchtbare Verluste, der Angriff geriet zum Debakel. Während die Streitkräfte des Zaren vor den österreichischen und deutschen Stellungen verbluteten, überrannten die Mittelmächte im schnellen Angriff ganz Rumänien, lediglich Moldawien konnte sich mit russischer Hilfe halten. Die von Brussilow ersonnene Stoßtrupptaktik wurde von den Deutschen aufgegriffen und in leicht verbesserter Form von Ende 1917 an mit großem Erfolg an der Westfront angewandt.


Gefallene Rumänen, Zeichen der Niederlage

Nachspiel

Die Brussilow-Offensiven im Herbst und Sommer 1916 waren der erste größere Erfolg der Entente seit der Marneschlacht und der größte Sieg der russischen Streitkräfte während des gesamten Krieges. Auf beiden Seiten gab es etwa 1,5 Millionen Mann an Verlusten, und sowohl Österreich-Ungarn als auch Rußland hatten an den Folgen schwer zu tragen. Ein erheblicher Teil des österreichischen Feldheeres (eine Million Mann Verluste, davon ein Großteil Gefangene und Überläufer) war zerschlagen worden, so daß die Donaumonarchie bis auf Weiteres zu keinen größeren Offensiven mehr fähig war und der ohnehin angegriffene innere Zusammenhalt des Vielvölkerstaates gefährlich gelockert wurde. Gleichzeitig waren die Russen aber ebenfalls entscheidend geschwächt worden und hatten viele ihrer begrenzten Reserven verbraucht, was die Niederlage im folgenden Jahr und den Ausbruch der Revolution gegen das verhaßte Regime des Zaren beschleunigte. Trotz einer existentiellen Bedrohung durch die koordinierten Offensiven der Entente hatten die Mittelmächte die Lage zu ihren Gunsten wenden können, fast der ganze Balkan war in ihrer Hand, und sowohl Russen als auch Briten und Franzosen hatten beträchtliche Verluste erlitten, ohne wirklich etwas dafür vorweisen zu können. Allerdings hatten sich mit den Rückschlägen bei Verdun und im Osten die Reserven der Mittelmächte ebenfalls gefährlich verknappt, und die Entente erhielt laufend Nachschub von außen. Letztlich konnten sich die Mittelmächte gegen diese materielle Überlegenheit trotz der Aufbietung aller Kräfte nicht durchsetzen, insbesondere nach dem Kriegseintritt der USA.

General Brussilow selbst wurde 1917 während der Revolution als Kommandeur abgelöst, als er sich weigerte, gegen die Aufständischen vorzugehen. 1920 trat er in die Rote Armee ein und war dort für den Bereich Kavallerie zuständig. Er wurde im Mai 1924 zum Revolutionären Kriegsrat kommandiert und starb 1926 an Herzversagen.


Wechselwirkungen der Offensiven 1916 (Klicken zum Vergrößern)

16. März 2006 - 18:27
( Jagdpanther )

Deutsche Foren >> Kommentare > Die Brussilow-Offensiven
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 Autor Thema: Die Brussilow-Offensiven
=DFL= Feldwebel Schultz
31.03.2006 um 01:24 QuoteProfileSend PM

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Sehr Interressant! Haste noch ne Karte, auf der das ganze n bisschen deutlicher wird?
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