Die Schweiz
[41 346 qkm, 3 315 000 E., 80 auf 1 qkm.]
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Lage. Die politische Grenze verläuft im Zickzack, ist darum im Verhältnis zur Ausdehnung des Landes sehr lang und deckt sich mit der natürlichen im ganzen nur auf dem Kamme der Walliser Alpen und in der Linie Hochrhein-Bodensee vom Fürstentum Liechtenstein bis Basel. Der Boden der Schweiz giledert sich in die Hochebene, das Alpenland und das Juragebirge. (S. über alle drei die betreffenden Abschnitte der physischen Geographie.) Die Gewässer, von denen die Hochebene durchschnitten wird, gehören größtenteils zum Gebiete des Rheins, der auf ihr zum Strom anwächst; nur im S.W. zum Rhône; die Gewässer der Alpen zum Rhein, zur Donau (Inn), zum Po (Tessin und Adda), zur Etsch und zum Rhône; die des Jura zum Rhein und zum Rhône (Doubs). 27 000 qkm entfallen auf das Rhein-, 1800 auf das Inn-, 3900 auf das Rhône-Gebiet.
Das Klima ist wegen des gebirgigen Aufbaues des Landes sehr ungleich und viel kälter als in anderen Gegenden derselben Breite. Auf der Hochfläche ist es zwar gemäßigt, aber doch im ganzen um 4° kälter als das von Mitteldeutschland und von starken Winden vielfach heimgesucht, z.B. dem schneefressenden Föhn, der 36 Tage im Jahr zu wehen pflegt. Ewiger Winter herrscht auf den weiß glänzenden Höhen der Hochalpen, dagegen hat der S. des Kantons Tessin vollkommen mittelmeerische Luft; im Oberengadin Jahresmittel +1,5, am Lugener See + 11,5°. Im ganzen ist das Klima durch die Reinheit der freilich oft sehr scharfen Luft recht gesund und von wohltuendem Einfluß auf das Leben; infolgedessen ist auch der Mensch stark von Leib und gesund, soweit nicht Fabrikarbeit und ungesunde Lebensweise auch hier schädigend eingegriffen haben.
Nahrungsquellen. 28,4% des Bodens sind überhaupt nicht ertragsfähig, 20,6% sind mit Wald bedeckt. Da sich die nutzbaren Ländereien des Gebirges eher zum Gräser- als zum Körnerbau eignen und das Grasland 36% einnimmt, so reicht der Ackerbau auch auf der Hochebene, die mehr oder weniger das Gepräge eines saftreichen Graslandes mit grünen Matten gewinnt, bei weitem nicht für den Bedarf aus, aber es wird auf ihr viel Obst gezogen, das auch zu allerlei Spirituosen (Kirschwasser u.a.) verarbeitet wird, und guter Wein gedeiht im Kanton Zürich wie im sonnigen Waadtlande. Vor allem steht die Rinderzucht in den meisten Gebieten in hoher Blüte, und der Senne, dessen bescheidenes, aber mit frischer Ursprünglichkeit ausgestattetes Leben zwischen den duftenden Matten der Alpen und der Arbeit unten im Stalle wechselt, ist immer noch der tüchtigste Mann des Volkes. Für den Fleischbedarf des Landes reicht freilich auch sein Gewerbe so wenig aus, daß 1906 für 36 Mill. M mehr Tiere, meist Mastvieh, und für 20 Mill. M Fleisch mehr ein- als ausgeführt werden mußten; nur Käse und kondensierte Milch können ins großen Mengen ans Ausland abgegeben, aber selbst Butter und Eier müssen von dort bezogen werden. Bergmännisch ist nur das Salz zu verwerten. - Gegenüber diesen ungünstigen Bodenverhältnissen und trotz des Mangels an fahrbaren Wasserstraßen, trotz der Einengung durch fremde Zollschranken, des mangels an Rohstoffen, namentlich Eisen und Kohlen, haben der rührige Schweizer Kaufmann und Gewerbetreibende, hinwiederrum begünstigt durch die starken Wasserkräfte, durch die staatlichen, alle Freiheit der Bewegung erlaubenden Verhältnisse, es verstanden, das Handelsleben auf eine solche Höhe zu bringen, daß auf den Kopf 626 M des Außenhandels kommen und ihr Land darin die vierte Stelle einnimmt. Die Schweiz ist ein bedeutender Industrie-Staat geworden, der besonders in drei Zweigen sehr leistungsfähig ist: 1. Baumwoll- namentlich Musselin-Weberei und Stickerei in der Ostschweiz; 2. Seidenweberei zu Zürich und Basel; 3. Uhren, Musikwerke und Schmuckwaren im Jura und in Genf. Daneben sind hochentwickelt die Holzschnitzerei und Parketterie im Berner Oberland und die Strohflechterei; sogar Schiffbau und Eisenindustrie arbeiten für das Ausland. Der Fremdenverkehr, den die Naturschönheiten des Landes, seine Luftkurorte und seine zahlreichen Heilquellen anziehen, soll in den letzten Jahren im Durchschnitte 74 Mill. M eingebracht haben.
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Einfuhr: Rohseide, Getreide, Kohle, Wollwaren, Eisen, Tiere; Ausfuhr: Seiden- und Baumwollwaren, Uhren (1906: 121 Mill. M), Maschinen, Käse. Kein anderes Land ist auch nur annähernd so stark an diesem Handel beteiligt wie das Deutsche Reich. - Das gut ausgebaute Bahnnetz, das wie in Belgien und den Niederlanden aus dem Durchgangsverkehr großen Nutzen zieht und in Olten am Jura, bei Luzern und in Zürich seine Knotenpunkte bildet, hat es 1906 zu einer Dichte von 112 auf 1000 qkm gebracht (gegen 105,7 im Jahre 1906 im D.R.). An 4000 km Bergbahnen.
[Den Durchgangsverkehr hat die Gotthardtbahn neu belebt, die genau mitten zwischen Mont Cenis und Brenner sowie in dergeraden Linie Hamburg-Genua (30 St.) verläuft und für die Länder zwischen Schelde und Elbmündung und für Großbritannien (abgesehen von der Simplonbahn) auf kürzestem Wege nach Bríndisi liegt. In 5 St. fährt der Schnellzug über ihre kühnen Bauten durch die schönsten Landschaften am n. wie am italienischen Abhange der Alpen vom Vierwaldstätter See an den Lago Maggiore (Langensee). auf 99 km Bahnlänge kommen 40,7 km Tunnel (s. unter handelsgeographie S. 603).
Geschichte. Durch Julius Cäsar wurden die keltischen Bewohner Helvetiens dem Römischen Reich unterworfen. Die Völkerwanderung gab dem Lande germanische (alemannische und burgundische) Bevölkerung, die unter Karl dem Großen zum Frankenreich, später zum Deutschen Reiche gehörte. Streitigkeiten mit dem Hause Habsburg, das die vogteiliche Gewalt über die drei reichsunmittelbaren bauerngemeinden, die Waldstädte Schwyz, Uri und Unterwalden, als erblichen Besitz beanspruchte, veranlaßten kurz nach König Rudolfs I. Tode die Stiftung des "Ewigen Bundes". Dieser, unterstützt durch die Natur des Landes und verstärkt durch den Anschluß von Landschaften und Städten, behauptete sich nicht bloß in glücklichen Kämpfen gegen die habsburgische Fürstenmacht wie gegen Burgund und andere Feinde, sondern, nachdem er sich schon längst vom Reiche losgesagt hatte, erlangte er auch durch den Westfälischen Frieden sein rechtliches Ausscheiden aus dem deutschen Reichsverbande. Erweitert wurde der Bund erst wieder im 19. Jahrhundert, so daß er jetzt 22 Kantone zählt. Da aber Unterwalden, Appenzell und Basel in je zwei selbständige Gebiete getrennt sind, so erhält die Schweiz 25 Republiken. Sie ist wie Belgien und Luxemburg ein neutrales Land.
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Bevölkerung. Deutschsprechende (mit alemannischer Mundart) 69,7% der Bevölkerung, fast im ganzen Rheingebiete sowie im oberen Rhônetale; das Französische wurde 1900 von 22% im W. und SW. gesprochen; im Kanton Tessin und in den südlichen Tälern von Graubünden herrscht das Italienische (6,7%); rätische Bevölkerung und rätoromanische Sprache, einst über ganz Graubünden und die anliegenden Kantone sowie fast ganz Titrol ausgedehnt, nur noch in einigen Tälern von Graubünden (Engadin ganz, Rheingebiet zum Teil, 1,2% des Ganzen), der deutschen Sprachen weichend. Sonst aber geht diese zurück, Italienisch nimmt am schnellsten zu, namentlich im Oberwallis schreitet die Verwelschung stark vorwärts, und durch den Einfluß des Simplon-Tunnels wird das noch stärker werden. Auf 1 qkm kommen 80 E., die 72 allein bewohnbaren Hundertteile des Bodens gerechnet, 112 E. - 383 000 Fremde, davon in Genf 40, in Basel 38% der Bevölkerung. Drei Orte entwickeln sich zu Großstädten. Weit gleichmäßiger als in bezug auf Abstammung ist die Bevölkerung nach Religion verteilt. Nahe an 58 Hundertteile sind protestantisch (reformiert), 41,6% römisch-katholisch. Diese nehmen wie im D.R. schneller zu als jene. Das Alpenland und der S. (mit Ausnahme des S.W.) sind vorzugsweise katholisch geblieben; in der Ebene hat sich die Reformation verbreitet. 12 300 Juden.
Im allgemeinen gehört die Schweiz zu den Ländern der Erde, in denen Gesittung und Geistesbildung am weitesten vorgeschritten sind. Am besten ausgebildet ist das Volksschulwesen in den Kantonen der Ebene, und zwar deutschen wie französischen Stammes. Hier ist seit sechs Jahrzehnten ganz Außerordentliches geleistet, und fast jede Dorfgemeinde besitzt ein schmuckes Schulhaus. Viel weniger günstig steht es mit der Volksbildung in den meisten übrigen Kantonen, unter denen besonders die Hochalpen-Kantone und vor allem die nichtdeutschen (Wallis und Tessin) zurückgeblieben sind. Für den höheren Unterricht bestehen Kantonsschulen, meist aus Gymnasium und Industrie(Real)schule zusammengesetzt, mit ähnlicher Einrichtung wie in Deutschland. Das kleine Land unterhält sechs Universitäten; davon gehören drei (Basel, Bern und Zürich) der deutschen, drei (Genf, Lausanne und Freiburg), dazu die Akademie zu Neuenburg der französischen Schweiz an. Zürich hat eine Technische Hochschule.
Nach der neuen Bundesverfassung vom Jahre 1874 ist die Schweiz ein republikanischer Bundesstaat, und die Kantone sind selbständig, soweit ihre Souveränität nicht durch die Bundesverfassung beschränkt ist. Die Gesetzgebung und die Wahl der wichtigsten Vollziehungsbehörden steht der Bundesversammlung zu, die ähnliche Befugnisse hat wie die Zentralgewalt des Deutschen Reiches. Sie besteht aus zwei Abteilungen, dem Nationalrat (den Abgeordneten des Schweizervolkes) und dem Ständerat (den Abgeordneten der Kantone). Die oberste vollziehende und leitende Behörde ist der Bundesrat, dessen 7 Mitglieder von der Bundesversammlung auf 3 Jahre gewählt werden. Den Vorsitz führt der für die Dauer eines Jahres von den vereinigten Räten aus den Mitgliedern des Bundesrates gewählte Bundespräsident. Bern ist Bundesstadt, d.h. Sitz der obersten Bundesbehörden. Bundesfarben: Rot, Weiß.
Das Bundesheer, das abteilungsweise zum Unterricht und zu Übungen auf kurze Zeit einberufen wird, zerfällt in Auszug (Mannschaft von 20-32 Jahren) und Landwehr 1. und 2. Aufgebots (Mannschaft von 33-44 Jahren) und zählt 235 000 Mann, dazu tritt noch der Landsturm. Nichtdienende zahlen Ersatzsteuer. An "Stäben" sind ständig 2 900 Mann unter Waffen.
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Die Schweiz 1907
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