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FL18 - Frontline18 .:. Die deutsche Besatzungsherrschaft in Belgien und Luxemburg

:: Die deutsche Besatzungsherrschaft in Belgien und Luxemburg ::
Mit der deutschen Offensive im August 1914 gerieten weite Gebiete im Westen in die Hand deutscher Streitkräfte, darunter der weitaus größte Teil Belgiens, das Großherzogtum Luxemburg und einige französische Departements. Die Behandlung dieser Gebiete im verwaltungs- und herrschaftstechnischen Sinne war recht unterschiedlich: während Luxemburg zumindest auf dem Papier seine Unabhängigkeit bewahrte und neutral blieb, galt Belgien als besetztes Feindesland und wurde einem rigiden Besatzungsregime unterworfen. Zwar wurde der Bestand des belgischen Staates nicht angetastet, aber die Deutschen zwangen den Besetzten ihren Willen auf und spannten die Wirtschaftskraft des Landes für ihre Kriegsanstrengungen ein.

Besatzungsherrschaft in Belgien

Die Besetzung Belgiens

Das Königreich Belgien hatte sich zu Kriegsbeginn der ultimativen deutschen Forderung nach Durchmarschgenehmigung widersetzt und der Entente angeschlossen. Die Streitkräfte des Landes wurden jedoch in der Mehrzahl schnell überwältigt, die Festungen in kurzer Zeit zerschlagen und eingenommen. Nur ein winziger Teil Flanderns mit der alten Handelsstadt Ypres/Ieper/Ypern verblieb unter belgischer Kontrolle, die Armee war praktisch aus ihrem eigenen Land vertrieben worden. Der König Albert I. und die Regierung hatten das vom Feind besetzte Brüssel verlassen und eine Exilregierung in Le Havre gebildet. Der Rest des Landes war von den Deutschen besetzt und wurde in weiten Teilen für die nächsten vier Jahre zum Kriegsschauplatz.

Der belgische Staat bestand nach der Einnahme durch die Deutschen weiter, das Land wurde nicht annektiert. Belgische Gesetze behielten ihre Gültigkeit, Gerichte fuhren fort, belgisches Recht zu sprechen, und die Verwaltungsbehörden arbeiteten weiter. Allerdings wurde das Königreich von den Deutschen als "erobertes Land" betrachtet, und der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg gab die Anweisung, daß Belgien "zur Entlastung des eigenen Landes nach jeder Richtung und mit allen seinen Hilfsquellen nutzbar gemacht werden" sollte.

Die wirtschaftliche Ausplünderung des Landes begann bereits während des Vorstoßes nach Belgien hinein. Sowohl durch Requisitionen als auch durch Plünderungen gelangten erhebliche Vermögenswerte nach Deutschland, durch Habgier und die Furcht vor Anschlägen seitens der Bevölkerung nahmen Plünderungen und Zudringlichkeiten zuweilen ein Maß an, daß die Feldbefehlshaber einschreiten mußten. Diese Ausschreitungen wurden von der Feindpropaganda begierig aufgegriffen und ungeheuer hochgespielt, und die Deutschen wurden als mordende Barbaren ("Hunnen") hingestellt, obwohl der eigentliche Schaden eher gering war. Noch Jahre nach dem Krieg wurden den Deutschen die angeblichen Greueltaten angelastet, die nur zu einem geringen Teil tatsächliche Grundlagen hatten.

Besatzungsherrschaft

Im August 1914 wurde ein Generalgouvernement unter Feldmarschall von der Goltz gebildet, das Belgien im deutschen Sinne verwalten und beeinflussen sollte. Ab November 1914 führte General von Bissing das Regiment, nach dessen Tod im April 1917 hatte General von Falkenhausen den Posten des Generalgouverneurs bis Kriegsende inne. Schwerpunkte der Tätigkeit der deutschen Behörden waren dabei, das Land für die deutsche Kriegswirtschaft auszubeuten, die Ordnung hinter den Frontlinien aufrechtzuerhalten und die belgische Bevölkerung zu germanisieren. Die ursprüngliche Anordnung der deutschen Regierung lautete, daß Belgien jedes Jahr eine Summe an das Deutsche Reich zu zahlen hätte, die der Summe seiner Steuereinnahmen entsprach.

Die Deutschen führten ein strenges Regiment, da sie ständig einen Aufstand des feindseligen belgischen Volkes fürchteten, ganz besonders 1914 und Ende 1918. Auf Waffenbesitz, Spionage und Sabotage an Telegraphen und Eisenbahnen stand die Todesstrafe. Überall hingen Plakate, welche die Vollstreckung von Todesurteilen gegen Aufständische meldeten. Über 300 Menschen wurden während der Dauer der Besatzung hingerichtet, es kam auch zu Deportationen. Während der deutschen Invasion und dem ersten Jahr der Besatzung flohen über 800.000 Belgier ins Ausland, besonders nach Frankreich, England und in die Niederlande. Entsprechend unternahmen die Deutschen Anstrengungen, das Land von der Außenwelt abzuschließen. Der einfachste Weg zur Flucht war die grüne Grenze zu den Niederlanden, weshalb die Deutschen dort einen stark gesicherten elektrisch geladenen Zaun errichteten, der im September 1915 fertiggestellt wurde. Trotzdem gelang 20.000 Menschen während des Krieges noch die Flucht über den Zaun, allerdings starben dort auch mehrere Hundert Flüchtlinge entweder an Stromschlägen oder weil sie gefaßt und erschossen wurden. Die belgischen Behörden wurden von den Besatzern zur Kollaboration gezwungen, eine strenge Zensur der Presse und eine Beeinflussung des Schulunterrichts stellten die Ordung sicher. Die Landesteile entlang der Frontlinie, wo etwa 30% der belgischen Bevölkerung lebten, wurde zum Etappengebiet, wo eine strenge deutsche Militärverwaltung herrschte. Es war vom restlichen Belgien abgetrennt, und selbst dort waren die Bewohner starken Beschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit unterworfen.

Insgesamt war das Personal der Besatzungsverwaltung jedoch bei der belgischen Bevölkerung nicht unbeliebt. Die Beamten waren korrekt und setzten ihre Anweisungen in der Regel in Abstimmung und mit Hilfe der lokalen Kommunalverwaltungen durch. Insbesondere der Chef der Zivilverwaltung von Sandt und der Chef der politischen Abteilung von der Lancken übten ihre Ämter höchst gewissenhaft aus und vermieden unnötige Beeinträchtigungen.

Germanisierung

Die Besatzungsmacht ließ nichts unversucht, um die belgische Bevölkerung oder zumindest Teile davon auf ihre Seite zu bringen. Man versuchte, wichtige gesellschaftliche Gruppen wie die mächtige katholische Kirche oder die politischen Parteien zur Kooperation zu bewegen, jedoch ohne Erfolg. Kardinal Mercier, das Oberhaupt der belgischen Kirche, kritisierte beständig die Besatzer und rief dazu auf, die Legitimität der Besatzungsherrschaft anzuzweifeln. Die Deutschen versuchten ihn durch repressive Maßnahmen kaltzustellen, jedoch weitgehend erfolglos.

Eine weitere Maßnahme war, die verschiedenen Volksgruppen des Landes gegeneinander auszuspielen. Man versuchte, die Flamen von den frankophonen Wallonen zu lösen und an Deutschland anzunähern. Belgien sollte langfristig stark an das Deutsche Reich gebunden werden, und so versuchte man beständig, deutschfreundliche Tendenzen zu schüren. Bislang waren die Flamen von der wallonischen Mehrheit im Land meist eher stiefmütterlich behandelt worden, so galt Flämisch als unkultivierte Sprache der niederen Stände, während Bürgertum und Hof das wallonische Französisch sprachen. Die Deutschen versuchten nun, die Flamen an sich zu binden. An den Schulen wurde erstmals Unterricht in flämischer Sprache eingeführt, und das Land wurde im März 1917 durch eine sogenannte Verwaltungstrennung in zwei Verwaltungseinheiten, eine flämisch und eine wallonisch, geteilt. Letztere Maßnahme sollte eine spätere Spaltung des Landes vorbereiten. Die Universität in Gent wurde als "Flämische Hochschule" neu eröffnet. Parallel dazu versuchte man, die Wallonen ihrerseits gegen die Flamen aufzuwiegeln, und propagierte die Idee eines selbständigen wallonischen Staates mit starker Ausrichtung nach Deutschland, um den Zusammenhalt Belgiens zu schwächen und beide getrennten Landesteile leichter kontrollieren zu können. Weder bei den Flamen noch bei den Wallonen verfingen diese Bestrebungen, die als Anschlag auf die nationale Einheit angesehen wurde. Lediglich eine kleine radikale Gruppe von Flamen bildete den sogenannten "Rat von Flandern", der mit den Besatzern kooperierte. Auch durch Zwangsmaßnahmen konnten die Deutschen ihre Vorstellungen nicht durchsetzen.

Wirtschaftliche Ausbeutung

Mit der Übernahme der Macht durch die Besatzer begann auch die Einspannung der belgischen Wirtschaftskraft für die deutsche Kriegsrüstung. Dabei gelang es der Besatzungsverwaltung zunächst noch, eine radikale Ausbeutung zu vermeiden. Mit der Zunahme des Einflusses der OHL und der deutschen Kriegsrohstoffabteilung dehnte sich aber die Inanspruchnahme insbesondere der Industrie ab 1916 immer weiter aus, und ab Februar 1917 benötigte jede belgische Fabrik eine Sondergenehmigung, um ihre Produktion fortzusetzen. Es kam zu Betriebsschließungen und Demontagen von Industrieanlagen, die von den Deutschen als "überschüssig" angesehen wurden. Die demontierten Betriebe wurden mehrheitlich nach Deutschland abtransportiert, die verbleibenden Betriebe dienten als Zulieferer der deutschen Kriegswirtschaft. Von den Demontagen war ganz besonders die Metallindustrie um Lüttich und Charleroi betroffen, der den Belgiern wohlgesonnene Generalgouverneur von Bissing konnte nichts dagegen unternehmen und sein Nachfolger war nurmehr ein bloßer Befehlsempfänger.

Auch anderweitig wurde Belgien in immer weiter steigendem Maße ausgeplündert, Vorräte, Maschinen, Geld und Produktionen wurden requiriert und nach Deutschland geschafft. Durch unkontrolliertes Drucken von Banknoten und schlechte Wechselkurse wurde die Währung beschädigt, und die belgische Wirtschaft wurde immer mehr von deutschen Unternehmen durchdrungen, die sich auf Kosten der Einheimischen bereicherten und immer mehr der verbliebenen Betriebe an sich rissen. Der belgische Regierung zurfolge beliefen sich die gesamten Schäden durch die Besatzung auf 2,22 Mrd. US$, damals eine Riesensumme.

Luxemburg im Krieg

1. Das Großherzogtum vor dem Krieg

Das Großherzogtum Luxemburg war bereits vor dem Krieg wirtschaftlich eng mit dem Deutschen Reich verwoben. Seit 1842 war es Mitglied im Deutschen Zollverein und somit Bestandteil des deutschen Zollgebietes, und die Eisenbahnen waren bereits 1872 unter die Kontrolle der deutschen Reichseisenbahn geraten, die auch den Verkehr in Elsaß-Lothringen abwickelte. Die bedeutende luxemburgische Eisen- und Stahlindustrie wurde durch deutsches Kapital und deutsche Arbeitskräfte entwickelt.

2. Luxemburg unter deutscher Besatzung

In den Morgenstunden des 2. August 1914 wurde das Gebiet Luxemburgs durch deutsche Streitkräfte besetzt, um sicherzustellen, daß das Land als Aufmarschgebiet für den geplanten Vorstoß gegen Frankreich zur Verfügung stehen würde. Trotz der Proteste der Regierung gegen diese Verletzung der Neutralität blieben die Deutschen im Lande, und Reichskanzler Bethmann Hollweg erklärte, daß Deutschland gezwungen sei, "sich über den berechtigten Protest Luxemburgs und der belgischen Regierung hinwegzusetzen", um zu verhindern, daß die Franzosen das Land besetzten.

Wie in Belgien blieb der luxemburgische Staat erhalten, allerdings hatte das Großherzogtum davon abgesehen, dem Deutschen Reich den Krieg zu erklären und blieb offiziell weiterhin neutral, wohl auch weil bewaffneter Widerstand völlig sinnlos gewesen wäre. Die Großherzogin Marie Adelheid (reg. 1912-1919) und die Regierung blieben weiterhin im Amt, obwohl das Land von den deutschen Truppen besetzt war. Durch die Besatzung brachen interne Streitigkeiten aus, die schon vorher latent vorhanden gewesen waren. Sie entzündeten sich besonders an der Person der Großherzogin, der man vielfach vorwarf, zu deutschfreundlich zu sein und zu viele mit den Deutschen sympathisierende Gestalten an ihrem Hof zu dulden. Auch ihre am 26. August angekündigte Heirat mit dem bayerischen Kronprinzen Rupprecht wurde allgemein abgelehnt, ganz besonders von den herrschenden Eliten.

Die Regierung des kleinen Landes sah sich erheblichen Schwierigkeiten ausgesetzt, solange die Besatzung fortdauerte. Sowohl die Versorgung der eigenen Bevölkerung als auch die Bewahrung der Unabhängigkeit mußten in Angriff genommen werden, was sich als nicht einfach erwies. Während der Kriegsdauer wechselten sich nicht weniger als fünf Regierungen ab. Man bemühte sich, eine Versorgung über die Commission for Relief in Belgium zu organisieren, was allerdings an Einwänden Großbritanniens scheiterte. Auch die Deutschen wollten Luxemburg keine eigene Versorgungspolitik zugestehen, erklärten sich aber Ende 1916 bereit, für das Land im neutralen Ausland Einkäufe zu tätigen.

Die luxemburgische Industrie wurde trotz einiger Widerstände in die deutsche Kriegswirtschaft integriert, insbesondere die Eisen- und Bergbauindustrie. Postverkehr und Presse standen unter deutscher Beobachtung, und der Spionage verdächtigte Luxemburger wurden vor deutschen Kriegsgerichten angeklagt. Währenddessen kämpften einige Bürger des Landes (oft wird die Zahl 3.000 genannt, sie ist vermutlich geringer) auf Seiten der Entente, denen man nach Kriegsende einen begeisterten Empfang bereitete.

3. Die Nachkriegszeit

Beide Kriegsparteien hatten für die Zeit nach dem Krieg eigene Pläne für das kleine Land. Nach deutschen Vorstellungen sollte das Großherzogtum ein deutscher Bundesstaat werden, während die Belgier es ihrem Land einverleiben wollten. Man betrachtete es als verlorenes Kernland, das sich während der belgischen Revolution 1830-1839 vom Mutterland losgesagt hatte und das es nun zurückzugewinnen galt. Die heutige belgische Provinz Luxemburg gehörte vor der Unabhängigkeit Belgiens ebenfalls zum Großherzogtum, wurde aber 1839 an Belgien abgetreten (Luxemburg gewann wie Belgien 1830 seine Unabhängigkeit von den Niederlanden, wurde aber zunächst in Personalunion vom niederländischen Königshaus weiterregiert, bis es 1890 seine eigene Dynastie erhielt). Die Einverleibung des Landes scheiterte am Einspruch Frankreichs und der USA, denn Präsident Woodrow Wilson wollte auch den Luxemburgern Recht auf Selbstbestimmung gewähren.

Die Jahre nach Kriegsende waren auch innenpolitisch höchst turbulent. Ein während des deutschen Abzuges am 10. November 1918 ausgerufener Sozialistischer Rat konnte sich nicht durchsetzen, bis die Amerikaner am 21. November das Land besetzten. Es wurde nun gemeinsam von der französischen und der US-Armee verwaltet, die einheimischen politischen Strukturen blieben aber unangetastet. Im Januar 1919 wurde die Republik ausgerufen, was aber durch den Widerstand französischer Truppen scheiterte. Großherzogin Marie-Adelheid konnte sich angesichts dieser Schwierigkeiten nicht mehr halten und machte den Thron für ihre Schwester Charlotte frei. In einer Volksabstimmung sprachen sich 77,8% der Wahlberechtigten für den Fortbestand der Monarchie aus, die sich daraufhin erneut konsolidierte. 1922 trat Luxemburg aus dem Deutschen Zollverein aus und schloß eine Wirtschafts- und Zollunion mit Belgien, nachdem die eigentlich geplante Zollgemeinschaft mit Frankreich von den Franzosen abgelehnt worden war.


Belgien und Luxemburg kurz vor dem Krieg

04. Januar 2006 - 00:26
( Jagdpanther )

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