Die Besatzungsherrschaft der Mittelmächte und die Nachkriegszeit im Osten und auf dem Balkan
Im Zuge des Vormarsches im Osten fielen große Gebiete des Russischen Reiches, später auch der größte Teil Rumäniens und Albaniens sowie Serbien und Montenegro in die Hände der Mittelmächte. Für diese Gebiete mußte eine Besatzungsverwaltung eingerichtet werden, die je nach Region unterschiedlich gehandhabt wurde. Da es keine Vorkriegsplanungen für diesen Fall gab und auch keine Zukunftspläne für die eroberten Gebiete existierten, zeichnete sich die Übernahme der Verwaltung durch die Invasoren durch Improvisation und Pragmatismus aus. In erster Linie hoffte man, die besetzten Gebiete wirtschaftlich zur Entlastung der eigenen Heimatfront nutzen zu können und die dortige Bevölkerung für den Arbeitseinsatz in der Kriegswirtschaft nutzbar zu machen. Die oft rücksichtslose Durchsetzung dieser Interessen belastete das Verhältnis zwischen den Besatzungstruppen und der Bevölkerung nachhaltig.
Von großer Tragweite für die Diskussion über die Frage, was nach Kriegsende mit den besetzten Gebieten geschehen sollte. Die vorgeschlagenen Lösungen reichten von weitgehenden Annexionen über die Bildung von Marionettenstaaten bis hin zur Bildung föderaler Strukturen unter Einschließung der besetzten Gebiete als eigene Teilstaaten.
Besatzung auf russischem Boden
Mit dem zunehmenden Schwächerwerden Rußlands durch den schweren Mangel an Waffen, Munition und Ausrüstung sowie fortgesetzte Niederlagen und innere Unruhen beschleunigte sich das Vordringen der deutschen Armeen und ihrer Verbündeten zusehends, bis zum absoluten Höhepunkt des Unternehmens Faustschlag im Frühjahr 1918, als die Deutschen fast ohne auf Widerstand zu stoßen innerhalb weniger Tage ganz Weißrußland und die Ukraine besetzten.
Ziele und Verlauf der Besatzung in Rußland
Der Krieg im Osten und die dortige Besatzungsherrschaft waren von den Ereignissen im Westen sehr verschieden. Während man dort eine zivilisierte und weitgehend urbanisierte Bevölkerung beherrschte und an der unbeweglichen Front industrielle Massenabschlachterei um sich griff, war der Kriegsverlauf im Osten vom Kontakt mit teilweise sehr rückständiger und ungebildeter Bevölkerung und der Weite des Landes gekennzeichnet. Insbesondere die jüdische Bevölkerung Polens, Galiziens und der Ukraine weckte gemischte Gefühle bei den Eroberern – vielfach grassierte Antisemitismus, andere besaßen Sympathien für die Juden, nicht zuletzt wegen der einfachen Verständigung durch die weitverbreitete jiddische Sprache.
Die Besatzungsherrschaft im Osten war u.a. stark von dem Bestreben gekennzeichnet, die vermeintliche kulturelle Unterlegenheit der dortigen Völker zugunsten eines zivilisierten, dem "Deutschtum" näheren Zustandes zu bekämpfen. Dies geschah selbstverständlich auch in der Absicht, die Beherrschung der Gebiete zu erleichtern, und stieß bei den Einheimischen oftmals nicht auf Gegenliebe. Die hohen Offiziere wie z.B. Ludendorff, lange Zeit Oberbefehlshaber im Osten, sahen die Bewohner der eroberten Gebiete als unterlegene Barbaren an, denen man Fortschritt und Kultur bringen mußte, welche sie selbst nicht hervorzubringen vermochten. Diese Einschätzung kennzeichnete auch die Kulturpolitik und die deutsche Propaganda, man versuchte, die Völker des russischen Westens in eine Abhängigkeit von den "kulturell überlegenen" Deutschen zu bringen, um eine Pufferzone zwischen dem Reich und Rußland zu schaffen.
Mit dem zunehmenden Zusammenbruch Rußlands 1917 breitete sich Siegesgewißheit bei den Mittelmächten aus, man nahm an, die nun besetzten Gebiete würden genug Rohstoffe und Nahrungsmittel abwerfen, um den Krieg zum siegreichen Ende zu bringen. Auch die im Osten entbehrlichen Truppen wurden zur entscheidungssuchenden Großoffensive nach Frankreich gebracht, allerdings blieben weiterhin große Verbände zurück, da man den Einheimischen nicht traute und man Ausgangsbasen für einen zukünftigen Krieg im Osten behalten wollte. Die Heeeresleitung plante, später die Bolschewiken aus Nordrußland zu vertreiben und die alliierten Interventionstruppen, die im Bürgerkrieg an der Seite der Weißen kämpften, anzugreifen (Unternehmen "Schlußstein"). Dies alles wurde mit der Niederlage im Westen hinfällig, allerdings verlangten die Sieger, daß trotzdem noch deutsche Truppen im Osten bleiben sollten, um die Bolschewiken im Schach zu halten. Diese blieben auch noch bis 1919 im Baltikum, mal als reguläre Truppen, mal als Freikorps.
Die Besatzungspolitik im Osten war teils erfolgreich, teils auch nicht. Die Ausbeutung der Wirtschaftskraft gab den Mittelmächten dringendst benötigte Ressourcen in die Hand, erzürnte aber die Einheimischen. Der harte Frieden von Brest-Litowsk schlug bei den Verhandlungen von Versailles auf Deutschland zurück, auch hätte man die im Osten verbleibenden Soldaten 1918 dringend gebraucht. Vielerorts wurde das Scheitern der Besatzungsherrschaft den Einheimischen in die Schuhe geschoben, so daß z.B. Hitler im Zweiten Weltkrieg gar nicht mehr den Versuch einer Kooperation unternahm, sondern die Unterworfenen kurzerhand versklaven wollte.
Die Lage in Russisch-Polen
Schon Ende 1914 befanden sich größere Teile des mit Rußland in Personalunion verbundenen "Kongreßpolen" (das polnische Restterritorium nach den drei polnischen Teilungen des 18. Jahrhunderts und der territorialen Wiederbelebung nach der Niederlage Napoleons durch den Wiener Kongreß 1815) unter der Kontrolle der Deutschen. Mit der Offensive der Mittelmächte 1915 gelangte das ganze heutige Polen unter die Kontrolle deutscher und österreichisch-ungarischer Armeen. Beide Mittelmächte teilten das Gebiet unter sich auf und richteten in ihren Besatzungszonen Zivilverwaltungen in Form von Generalgouvernements ein, deren Sitz bei den Deutschen in Warschau, bei den Österreichern zuerst in Kielce, später in Lublin installiert wurde.
Polen wurde Gegenstand heftiger Diskussionen, was die Zukunftsplanung anging. Die Überlegungen führten in verschiedene Richtungen. Angedacht wurde z.B. eine Rückgabe an Rußland im Gegenzug für einen Separatfrieden, andere Pläne sahen eine Bindung an Österreich-Ungarn vor. Ein Streifen entlang der deutschen Grenze wurde für die Besiedlung durch Deutsche ins Auge gefaßt, um die strategische Situation des Reiches im Osten zu verbessern. Schließlich entschloß man sich, Polen zu einem Satellitenstaat der Mittelmächte zu machen, in der Hoffnung, daß dieser ihre Kriegsanstrengungen unterstützen werde. Im November 1916 proklamierten das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn das Königreich Polen, ohne jedoch genaue Grenzen festzulegen. Ihre Hoffnungen auf eine Unterstützung durch die polnische Bevölkerung erfüllten sich aber nicht, denn nur wenige Polen nahmen den aktiven Kampf gegen Rußland und die anderen Ententestaaten auf. Nach Kriegsende begannen die Polen ihren eigenen Feldzug gegen die Sowjets, der ihre Armeen bis vor die Tore Kiews brachte, dort erlitten sie allerdings eine Niederlage und wurden in der Folge bis auf Warschau zurückgeworfen. In der Schlacht an der Weichsel gelang es ihnen ihrerseits, die Rote Armee zum Rückzug zu zwingen und die Grenzen Polens unter Einschluß von Teilen Weißrußlands und der Ukraine, die bis 1939 Bestand hatten, zu sichern.
Das Baltikum und Weißrußland
Im Verlauf der Operationen an der Ostfront rückten die Deutschen immer tiefer ins Baltikum und nach Weißrußland hinein vor. Bereits Ende 1915 standen sie an der Düna, im September 1917 setzten sie über den Fluß und nahmen Lettland ein, als Repression gegen Verzögerung bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk besetzten deutsche Armeen ab Ende Februar 1918 auch Estland und den Rest Weißrußlands. Alle diese Gebiete unterstanden der Militärverwaltung des Oberkommandos der Ostfront unter der Bezeichnung "Land Ober-Ost", dessen Zentralverwaltung im litauischen Kaunas saß, es umfaßte die Verwaltungsbezirke Bialystok, Grodno, Litauen, Wilna, Suwalki und Kurland. Zu Kriegsbeginn hatten die Russen große Teile der Bevölkerung und die gesamte Verwaltung aus Litauen und Kurland evakuiert, viele andere waren geflohen. Pro-russische Gefühle gab es allerdings kaum, allerdings auch nicht pro-deutsche.
Die Besatzungspolitik im Baltikum, in dem es viele deutsche Familien gab, welche während der Ostkolonisation im Mittelalter eingewandert waren, war durch das Bestreben einer Germanisierung und schließlichen Annektierung gekennzeichnet. Es war vorgesehen, deutsche Siedler (sowohl Soldaten als auch Rußlanddeutsche) im Baltikum anzusiedeln und Teile des Gebietes zu annektieren, der Rest sollte nach dem Krieg politisch und wirtschaftlich eng an das Reich gebunden werden. Dabei stützte man sich in Kurland, Livland und Estland auf den vornehmlich baltendeutschen Adel, während der Rest der Bevölkerung diesen Zielen ablehnend gegenüberstand; in Litauen verließ man sich auf die Litauer selbst. Immerhin gelang es, Teile der baltischen Bevölkerung für die deutschen Kriegsanstrengungen zu rekrutieren, so kämpften etwa viele Letten ab 1915 für die Deutschen. Andere Bestrebungen der Einheimischen sahen ein Verbleiben bei Rußland vor, man hoffte auf eine bundesstaatliche Lösung, die den Balten eine gewisse Unabhängigkeit im Rahmen des Zarenreiches geben würden.
Die deutsche Regierung bereitete die Gründung von eng an das Reich gebundenen Satellitenstaaten im Baltikum vor, jedoch gab es auch Bestrebungen, sie dem Reich nach der russischen Niederlage einzuverleiben oder sie als monarchische Marionettenstaaten an Deutschland zu binden. Erst ab Oktober 1918 betrieb man die Bildung souveräner Staaten, aus denen dann die drei heute noch existierenden Baltenrepubliken Estland, Lettland und Litauen hervorgingen. Dies geschah jedoch erst nach inneren Machtkämpfen und der Verteidigung der Unabhängigkeit gegen die Sowjets, was zuerst mit Hilfe deutscher Regierungstruppen, nach dem Waffenstillstand mit Hilfe deutscher Freikorps geschah.
Die Ukraine
Die heutige Ukraine war seit Jahrhunderten geteilt, der östliche Teil gehörte zu Rußland, der westliche (v.a. Galizien) zuerst zu Polen und nach dessen Teilung zu Österreich. Entsprechend gerieten die Ukrainer, oder Ruthenen, wie sei damals hießen, zwischen die Fronten. Im Westen stand die Mehrheit der Bevölkerung hinter Österreich-Ungarn, dennoch wurden vermeintlich russophile Ukrainer interniert. Nach der Eroberung Galiziens durch die Russen verfolgten diese eine Politik der Unterdrückung alles ukrainischen, nationale Institutionen und der Gebrauch der Sprache wurden verboten. Die Mittelmächte setzten dagegen die Stimulierung nationaler Begehrlichkeiten bei allen Ukrainern, man beabsichtigte, die Ukraine von Rußland zu lösen und zu annektieren oder zu einem Sattelitenstaat zu machen. Vor allem die Deutschen unterstützten ukrainische Exilorganisationen und warben Ukrainer unter den russischen Kriegsgefangenen an, die Österreicher agierten wegen der eigenen ukrainischen Bevölkerungsteile weniger enthusiastisch und betrieb statt dessen lieber die Gewinnung Polens für die Sache der Mittelmächte.
Nach der russischen Niederlage und der Februarrevolution 1917 bildete sich in Kiew durch Wahl der zusammengerufenen ukrainischen Nationalversammlung ein zentraler ukrainischer Rat, die sogenannte Zentral-Rada. Sie verkündete im Juni zunächst die Autonomie der Ukraine, am 20. November die Volksrepublik Ukraine als Teil eines russischen Föderalstaates. Dem folgte am 25. Januar 1918 die Erklärung der Unabhängigkeit. Als die Bolschewisten im Februar desselben Jahres Kiew eroberten, schloss die Ukraine einen Separatfrieden mit den Mittelmächten. Diese garantierten die Unabhängigkeit des Landes im Gegenzug gegen wirtschaftliche Hilfe. Von diesem Bündnis versprachen sich die unter ernsthaften Versorgungsschwierigkeiten leidenden Mittelmächte vor allem eine Entspannung der Versorgungslage bei Lebensmitteln. Am 1. März 1918 eroberten die Deutschen Kiew und setzten die Rada wieder ein, auch sorgten sie dafür, daß die Sowjetregierung die Unabhängigkeit der Ukraine im Frieden von Brest-Litowsk anerkannte. Als die ukrainische Regierung die Forderungen der Mittelmächte nach Nahrungsmitteln nicht befriedigen konnte, wurde sie am 29. April 1918 abgesetzt und durch die Herrschaft des Kosakenhetmans Pawlo Skoropadskyj ersetzt. Dieser betrieb eine Politik, welche die Großgrundbesitzer begünstigte und große Lebensmittellieferungen für die Mittelmächte vorsah, welche die Versorgung des eigenen Landes gefährdeten. Gegen seine Herrschaft mobilisierte die Rada die ukrainischen Kleinbauern, dies gipfelte in der Schaffung des "Direktoriums", welches die Regierung ab Mitte Dezember nach dem Abzug der Deutschen übernahm. Der Westen der Ukraine hatte sich als "Westukrainische Volksrepublik" im November 1918 selbständig gemacht und bildete eine Union mit dem Hauptland, ehe er 1919 von Polen erobert wurde und an dieses abgetreten werden mußte. Die Karpathoukraine ging an die Tschechoslowakei und Moldawien an Rumänien. In den Jahren 1919 und 1920 war die Gegend um Kiew Schauplatz heftiger Kämpfe im Bürgerkrieg zwischen Truppen der Roten Armee, der Weißen und polnischer Truppen, bis sich eine bolschewistische Strömung durchsetzen konnte und eine ukrainische Sowjetregierung bildete. Diese bildete dann 1922 zusammen mit anderen Staaten um Rußland die Sowjetunion.
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