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Seit Beginn der geschichtlichen Aufzeichnungen war Finnland stets ein Zankapfel zwischen seinen mächtigen Nachbarn. Schon die Wikinger besiedelten die Küsten des Landes, später machten es die Schweden zu einem Teil ihres Reiches. Die Finnen selbst hatten niemals ein eigenes Reich oder eine entwickelte Kultur begründet und waren mehr oder weniger ein Volk von Waldbauern, das von seinen kulturell und militärisch überlegenen Nachbarn beherrscht wurde. Die finnische Sprache spielte unter den Herrschenden keine Rolle und war im Wesentlichen die Sprache der ungebildeten und besitzlosen Leute, welche über so gut wie keine Literatur oder Aufzeichnungen verfügte. Die offizielle Amts- und Kultursprache sowie die Sprache der Herrschenden und der Oberschicht war Schwedisch. Eine vergleichbare Situation bestand im Baltikum, wo die deutsche Oberschicht die Einheimischen in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht dominierte, allerdings gerieten die Finnen nie in eine vergleichbare Abhängigkeit von ihren fremden Herren wie die Balten, wo oftmals Leibeigenschaft herrschte, und das Verhältnis zwischen Schweden und Finnen war auch deswegen wesentlich entspannter als zwischen Deutschen und Balten.
Im Jahr 1809 führte der russische Zar Alexander I. einen Krieg gegen Schweden, welcher die traditionelle Position des skandinavischen Reiches als Vormacht im Ostseeraum endgültig beseitigte. Die Schweden mußten beim Friedensschluß das von den Russen eroberte Finnland inklusive der Aland-Inseln abtreten, und die Russen respektierten die kulturelle Andersartigkeit des neu erworbenen Landes. Sie formten es in ein vom Rest des Zarenreiches weitgehend unabhängiges autonomes Großfürstentum um, das mit Rußland lediglich in Personalunion verbunden war; sprich der Zar war gleichzeitig Großfürst von Finnland. Schwedisch blieb Amts- und Kultursprache, und die bestehenden Gesetze und Sozialstrukturen wurden erhalten. Es gab vorerst keine Versuche der Russifizierung, und das Land unterhielt eigene Streitkräfte, welche vom Rest des Zarenheeres unabhängig waren. Finnische Truppen kämpften z.B. an der Seite der Russen in der Völkerschlacht von Leipzig im Jahr 1813. Rechts- und Zollsystem waren von Rußland getrennt, und es gab auch eine eigene Post. Der Grad der Autonomie wurde immer wieder verändert, mal wurde das Land enger an die Zentralmacht gebunden, mal hatte es mehr Freiraum. Aber die Finnen blieben stets frei von Leibeigenschaft und wußten sich gegen alle Versuche, ihre Freiheit zu beschneiden, zu behaupten.
1819 wurde die Hauptstadt von Abo nach Helsingfors verlegt, das auch wirtschaftlich eine immer größere Bedeutung gewann und von den Russen zu einem wichtigen Armee- und Flottenstützpunkt ausgebaut wurde. Nachdem die alte Hauptstadt Abo 1827 durch eine Feuersbrunst weitgehend zerstört worden war, ging auch die dortige Universität nach Helsingfors. In den 1860er Jahren erlaubten die Russen den autonomen Landesteilen eine weitergehende Selbstverwaltung, als Ergebnis wurde 1863 der finnische Reichstag als ständisches Vierkammernparlament eingerichtet, und es wurde auch eine Verfassung eingeführt. Die Industrialisierung begann, vornehmlich in den Sektoren der Forstwirtschaft und des Maschinenbaus. Auch der landwirtschaftliche Sektor florierte, und diese Entwicklung wurde hauptsächlich von genossenschaftlich organisierten Mittelständlern getragen, in der Mehrzahl Finnen. Damit einher ging ein erstes Erwachen der Finnen als eigenständige Kulturnation, die dazugehörige Bewegung nannte sich die Fennomanen. Auch auf Betreiben der schwedischsprachigen Oberschicht wurde die finnische Kultur gefördert, um den nationalen Zusammenhalt aller Bewohner zu stärken, so gingen gebildete Schweden bewußt zum Gebrauch des Finnischen als Verkehrssprache über. Zum ersten Mal wurden die bisher nur mündlich tradierten finnischen Volksmärchen und Sagen gesammelt und schriftlich festgehalten, der Beginn einer eigenen Literatur – den Beginn markiert die erste Veröffentlichung des Nationalepos „Kalevala“ im Jahre 1835. Schwedisch und Russisch verloren an Bedeutung zugunsten des Finnischen, das sich nun auch in den Kreisen des Bürgertums und der Oberschicht durchzusetzen vermochte und zur mehrheitlichen Volks- und auch Verwaltungssprache wurde, es hielten sich aber schwedische Sprachinseln an den Küsten, die bis heute bestehen. Trotz gelegentlicher radikaler Strömungen galt die Fennomanenbewegung als staatstragend und konservativ, so daß es zunächst zu keinen Konflikten mit der russischen Zentralmacht kam.
Mit dem Regierungsantritt von Zar Alexander III. im Jahr 1891 gab es einen starken Einschnitt in die Entwicklung des Landes. Der neue Kaiser war ein Verfechter einer strengen Russifizierungspolitik, um die einzelnen Landesteile stärker an den Zaren und an das russische Kernland zu binden. Er hob die von den Finnen eifersüchtig gehüteten Privilegien des Landes mit dem sogenannten „Februarmanifest“ von 1899 weitgehend auf und versuchte sogar ein Gesetz zu erlassen, das den Druck finnischsprachiger Bücher außer solchen wissenschaftlichen und religiösen Inhalts verbot, dies scheiterte jedoch am Widerstand der Finnen. Überhaupt waren die Finnen nicht gewillt, die Beschneidung ihrer Freiheiten klaglos hinzunehmen, und als Reaktion zu der russischen Unterdrückungspolitik entstand eine starke kulturelle und politische Gegenbewegung.. Es etablierte sich unter dem Eindruck der nationalen Bedrängnis eine ernstzunehmende Kunstbewegung, vor allem im Zusammenhang mit dem skandinavischen und auch russischen Jugendstil, der alle Kunstdisziplinen erfaßte und maßgeblich zum Entstehen einer eigenen künstlerischen und kulturellen Identität beitrug. Vor allem Malerei, Kunsthandwerk und Architektur erbrachten Höchstleistungen, und auf den Weltausstellungen um die Jahrhundertwende hatte Finnland einen eigenen Pavillon.
Auch auf dem politischen Sektor arbeiteten die Finnen der russischen Unterdrückung hartnäckig entgegen. Es gab Bombenanschläge von Freischärlern auf russische Einrichtungen, und es wurde passiver Widerstand geleistet. Als unter dem Eindruck des verlorenen Russisch-Japanischen Krieges die Revolution von 1905 ausbrach, erstattete Zar Nikolaus II. den Finnen ihre Privilegien zurück, er hatte andere Sorgen und konnte keinen weiteren Krisenherd in seinem Rücken gebrauchen. Finnland erhielt in der Folge das fortschrittlichste demokratische System ganz Europas - bereits 1906 wurde der finnische Reichstag neu eröffnet, und zwar als modernes Einkammernparlament, das von der gesamten Bevölkerung in freien Wahlen bestimmt worden war. Auch Frauen durften wählen, damals eine geradezu unerhörte Neuerung, die Finnland an die vorderste Front des gesellschaftlichen Fortschritts brachte – es war das dritte Land weltweit, das überhaupt ein Frauenwahlrecht einführte, und das erste in Europa. Das neugewählte Parlament bestand zu einem nicht geringen Teil aus Sozialisten, die mehr als 33 Prozent der Stimmen gewannen. Sie traten für eine sozialistisch-kommunistische Staatsform und die Loslösung von Rußland ein, während das stark fennomanisch geprägte bürgerliche Lager, auch als Jungfinnen bekannt, eine demokratische Staatsform und den Verbleib im Verband des Zarenreiches anstrebte.
Der Erste Weltkrieg ließ das Land weitgehend unberührt, obwohl die Russen starke Truppenverbände in Finnland stationierten, da sie befürchteten, die Deutschen könnten mit Hilfe ihrer stark überlegenen Marine eine amphibische Landung durchführen und Sankt Petersburg und Rußland von Norden her bedrohen. Helsingfors wurde zu einer starken See- und Landfestung ausgebaut, und die Ostsee war stark vermint. Mit der Niederlage des Zarenreiches 1917 und der anschließenden Februarrevolution, welche der Zarenherrschaft ein Ende setzte, mußte sich auch Finnland neu orientieren. Allgemein herrschte die Ansicht, daß durch den Sturz des Zaren auch die Personalunion Rußlands mit Finnlands beendet war, und daß die Autorität des Zaren nun an das Parlament überging. Dies wollte die neue russische Regierung aber nicht akzeptieren und löste kurzerhand durch Einsatz von Truppen den finnischen Reichstag auf. Die Sozialisten unterlagen bei den Neuwahlen, und der neue Reichstag verfügte über eine jungfinnische Mehrheit. Der Senat, der nach der Februarrevolution geschaffen worden war, war sogar rein bürgerlich geprägt, nachdem die Sozialisten ihn aus Protest gegen die Ablehnung von radikalen sozialistischen Reformvorschlägen verlassen hatten. Das neugewählte Parlament stand einer Unabhängigkeit, wie sie die Sozialisten gefordert hatten, nach wie vor eher ablehnend gegenüber und wünschte eine Kooperation mit dem (noch) bürgerlichen Rußland, was die Sozialisten stark enttäuschte und ihren Widerstandswillen schürte.
Die russische Oktoberrevolution bewirkte, daß sich die politischen Verhältnisse umkehrten – die bürgerliche Parlamentsmehrheit befürwortete nun die Unabhängigkeit, während die Sozialisten das kommunistische Rußland als leuchtendes Vorbild betrachteten. Am 6. Dezember 1917 erklärte sich Finnland für unabhängig, es wurde bald von der neuen bolschewistischen Regierung in Rußland anerkannt, aber auch vom Deutschen Reich und den skandinavischen Ländern. In der Folge versuchten radikale Sozialisten einen kommunistischen Umsturz nach russischem Muster, und zwischen den Sozialisten und den Bürgerlichen brach Anfang 1918 ein kurzer, aber leidenschaftlich geführter Bürgerkrieg aus, in dem sich nach sozialistischen Anfangserfolgen schließlich die bürgerliche Partei unter dem Kommando des ehemaligen Zarengenerals Carl Gustaf Mannerheim durchsetzen konnte. Der Ausgang des Konfliktes wurde nicht zuletzt dadurch beeinflußt, daß die Deutschen Truppen und Kriegsschiffe entsandten, welche den von den Bolschewiken unterstützten Roten bald den Garaus machten. Insbesondere die Rolle des deutschen 27. Jägerbataillons ist hervorzuheben – es bestand aus Finnen, die in der deutschen Armee ihre Ausbildung erhalten und freiwillig an der Ostfront gegen die Russen gekämpft hatten. Sie spielten eine entscheidende Rolle in der Niederwerfung der roten Aufstandsbewegung, und die gewährte Hilfe gegen die Aufständischen prägte das deutsch-finnische Verhältnis nachhaltig.
Im Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen den Mittelmächten und Rußland verpflichteten sich die Russen zum Abzug aller Truppen und Kriegsschiffe. Die Finnen, welche auf Seiten der Mittelmächte standen, wollten zunächst nach skandinavischem Vorbild eine konstitutionelle Monarchie einführen und beriefen den deutschen Prinzen Friedrich Karl von Hessen-Kassel als König Väinö I., er mußte aber nach der deutschen Niederlage abdanken, und Finnland wurde eine demokratische Republik. General Mannerheim wurde vorläufig zum Reichsverweser ernannt, unterlag aber bei den ersten Präsidentschaftswahlen 1919 dem Gegenkandidaten Kaarlo Juho Ståhlberg, der erster finnischer Präsident wurde. Er sollte aber während des Zweiten Weltkriegs noch eine entscheidende Rolle spielen. Es gelang der neuen Regierung, die Bürgerkriegsparteien untereinander auszusöhnen und einen starken nationalen Zusammenhalt zu schaffen, welcher in späteren Jahren wesentlich dazu beitrug, dem Land seine Souveränität zu erhalten.
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