Mit der rasanten technischen und gesellschaftlichen Entwicklung im 19. Jahrhundert änderten sich die Lebensbedingungen der meisten Menschen innerhalb von fünfzig Jahren radikaler als in den 2000 Jahren zuvor. Die offizielle Kunst nahm von dieser Entwicklung allerdings zunächst kaum Notiz, und insbesondere die Maler und Architekten waren noch stark in den alten Zeiten verhaftet. Obwohl sich in den Künsten bereits starke Signale für eine Neuorientierung zeigten, fuhren die Kunstakademien und Bauschulen fort, die überkommenen Kunstbegriffe zu vermitteln. Das zeigte sich in vielerlei Hinsicht, so erwartete man von den Malern weiterhin heroische und erbauliche Gemälde, wie sie zu Beginn des Jahrhunderts üblich gewesen waren, und neue Kunstverständnisse wie z.B. der Impressionismus wurden weithin als „zersetzend“ empfunden, als eine Bedrohung für die offizielle Kultur. Ähnlich ging es bei den Architekten zu: zwar fand während des ganzen 19. Jahrhunderts eine ungeheuere technische Entwicklung statt, die völlig neue Konstruktionsweisen wie den Stahlskelettbau und Glas-Stahl-Konstruktionen gestattete, allein in stilistischer Hinsicht verharrten die Architekten in der Vergangenheit. Bei der Außen- und Innengestaltung griff man auf das stilistische Repertoire vergangener Jahrhunderte zurück, zwar in Größe und Funktionalität den neuen Bedürfnissen angepaßt, aber nichtsdestoweniger häufig altmodisch und leer. Diese Stilrichtung umfaßte z.B. die Neugotik, welche unter anderem viele Kirchenbauten des ausgehenden 19. Jahrhunderts auszeichnete, aber auch die Neo-Renaissance und den Neo-Klassizismus, die vor allem bei öffentlichen Gebäuden gern Verwendung fanden. Alle diese Stilrichtungen waren unter dem Oberbegriff Historismus zusammengefaßt, und er prägte die europäischen und auch amerikanischen Städte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entscheidend. Ganz besonders in Deutschland überbot sich das wilhelminische Berlin in immer neuen monumentalen Gebäuden, welche zwar immer gewaltiger ausfielen, aber keinerlei neue Impulse in künstlerischer Hinsicht boten und immer dasselbe Stilrepertoire bis zur Ermüdung zitierten.
Dieser kulturelle Inzest, zusammen mit den Auswirkungen der Industrialisierung, rief unter fortschrittlicheren Geistern eine Gegenbewegung hervor, die nach neuen Wegen der künstlerischen Gestaltung suchte. Die zunehmende Mechanisierung und Verbreitung von Massenproduktion förderte eine starke Vereinheitlichung aller Lebensbereiche, wo vorher durch das Handwerk eine große Vielfalt geherrscht hatte. Künstler und Kunsthandwerker reagierten darauf mit einer Bewegung, welche sowohl das handwerkliche Können als auch den künstlerischen Anspruch desselben in den Vordergrund stellten- auch Alltagsgegenstände sollten Kunst sein. Dazu kam eine Orientierung an der japanischen Kunst, welche nach der jahrhundertelangen Isolierung des Landes in diesen Tagen erstmals den Weg nach Europa fand und vor allem wegen ihrer weichen, fließenden Formen und der starken Betonung von Ornamenten allgemein großen Anklang fand. Diese Bewegung formierte sich zunächst in den 1880er Jahren in Großbritannien und trug den Namen „Arts and Crafts“-Bewegung, frei übersetzt „Kunst und Kunsthandwerk-Bewegung“. Sie bildete den Grundstock, aus dem in späteren Jahren der Jugendstil, andernorts auch als Art Nouveau oder Modern Style bekannt, hervorging. Bereits die Werke der Künstler und Kunsthandwerker, welche der Arts and Crafts-Bewegung zugerechnet werden können, trugen viele Merkmale des späteren Jugendstils: eine starke handwerklich-kunstgewerbliche Ausrichtung als Gegensatz zur industriellen Massenproduktion, eine intensive Betonung des Ornaments und der Form, fließende und oftmals pflanzenhaft-weiche Formen und eine weitgehende Orientierung an der belebten Natur. Eine weitere Quelle waren die sogenannten Präraffaeliten, eine zeitgenössische Strömung in der Malerei. Sie traten für eine Rückbesinnung auf den Stil der Hochrenaissance („vor Raffael“) ein, sahen den Maler Raffael als den „großen Verderber“ und legten ebenfalls ein großes Gewicht auf natürliche, fließende Formen und eine Verbindung von Kunst und Ethik. Der daraus hervorgehende Stil wurde in anderen Ländern aufgegriffen und erlebte zwischen 1890 und 1910 eine kurze, aber ertragreiche Blüte, wobei sich in den einzelnen Ländern unterschiedliche Stile ausbildeten; manche Nationen entwickelten sogar mehrere regionale Stile. Das neue Kunstverständnis war allerdings stets umstritten und wurde eher selten zu offiziellen Anlässen herangezogen, zu stark unterschied es sich vom Kunstverständnis der Herrschenden, vor allem des Adels. Allerdings gab es immer wieder Förderer und Mäzene, welche den neuen Stil propagierten. Hauptwirkgebiete der neuen Kunstrichtung waren Architektur, Innenausstattung und Goldschmiedekunst, aber auch Bildhauerei und Malerei erhielten durch sie neue Impulse. Doch nicht nur die „hohe“ Kunst griff die neuen Formen begierig auf, auch Kunstgewerbe und Industrie stellten eine Fülle von mehr oder weniger anspruchsvollen Objekten in Handwerk und Massenproduktion her, wobei selbstredend auch eine große Menge Kitsch seinen Weg auf den Markt fand. Deshalb geht dem Jugendstil auch heute noch der Ruf eines eher kitschigen Stils voraus. Zwischen der anspruchslosen Massenware fanden sich aber immer wieder auch Objekte von großer Schönheit, ganz besonders im Bereich der Inneneinrichtung. So gelten z.B. die zeitgenössischen Bestecke und Geschirrteile der traditionsreichen Firma WMF als Höhepunkte des Jugendstils, die eine große Beliebtheit erlangten und ihren Weg in alle Welt fanden.
Der Jugendstil brandete wie eine kreative Welle durch alle Länder der zivilisierten, sprich europäisch beeinflußten Welt. Ganz besonders Europa brachte eine Fülle unterschiedlicher Stile hervor, wobei die Hauptzentren England, Deutschland, Frankreich, Belgien und Österreich-Ungarn waren, aber auch in Katalonien, Skandinavien, Italien, Rußland, Holland und Amerika gab es bedeutende Künstler, die den neuen Stil adaptierten. Sowohl Deutschland als auch Frankreich brachten dabei mehrere regionale Zentren hervor.
In Deutschland war das Hauptzentrum München, wo u.a. Künstler wie Richard Riemerschmidt, August Endell und Peter Behrens wirkten. Ein Hauptwerk des Jugendstils in München ist wohl das Gebäude der Münchener Kammerspiele, das von Riemerschmidt im stilreinen Jugendstil ausgeführt wurde. Andere Bauwerke wurden von den Nazis zerstört oder gingen im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges unter.
Auch Berlin und Darmstadt setzten bedeutende Akzente. Letztere Stadt war die Spielwiese des Großherzogs von Hessen und zu Rhein Ernst Ludwig, der ein bedeutender Mäzen war und die Chance ergriff, aus dem provinziellen Darmstadt einen Hort der Musen zu machen. Er förderte großzügig Künstler wie Joseph Maria Olbrich und Peter Behrens, die zusammen mit vielen anderen der für sie geschaffenen Künstlerkolonie Leben einhauchten und die kleine Residenzstadt zu einem bedeutenden Ort der Künste machten.
Ein weiteres Zentrum war Weimar, wo der Großherzog Karl Alexander wohlwollend die Künste förderte. Sein Enkel Wilhelm Ernst, der 1901 die Regierung übernahm, setzte das Werk seines Großvaters eher unfreiwillig und auf Betreiben seines Vertrauten, des Grafen Kessler, fort. Man gewann einen der größten Künstler seiner Zeit, den Belgier Henry van der Velde, sowie einige andere Kapazitäten. Gemeinsam schufen sie Meisterwerke der Architektur und vor allem des Kunstgewerbes, die Kunstgewerbeschule Henry van der Veldes war eine der herausragendsten derartigen Institutionen ihrer Zeit. Aus ihr ging dann nach dem Ersten Weltkrieg das Dessauer Bauhaus hervor, dessen Meister oftmals Lehrlinge in Weimar oder bei anderen Meistern des Jugendstils gewesen waren und die klassische Moderne entscheidend prägten. Walter Gropius zum Beispiel begann seine Karriere als Lehrling von Peter Behrens, wie auch Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier.
Eine wichtige Rolle im deutschen Jugendstil spielte der 1907 gegründete Deutsche Werkbund, der sich als Vereinigung von Personen verstand, deren Ziel die Schaffung eines Werkes war: Künstler, Architekten, Unternehmer, Kaufleute ud Schriftsteller traten ihm bei und förderten Architektur, Kunstgewerbe und die schönen Künste. Die in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Werkbundausstellungen waren stets künstlerische und kulturelle Höhepunkte und spiegelten den damaligen Stand von Kunst, Kunstgewerbe und Industrie wieder. Der Werkbund besteht nach einer Unterbrechung in der NS-Zeit noch heute.
In Frankreich waren die Zentren vor allem Nancy und natürlich Paris. In Nancy, das von einer Abwanderungswelle aus dem verlorenen Elsaß-Lothringen profitierte und einen furiosen Aufschwung nahm, wirkte vor allem Emile Galle, der für seine Möbel und nicht zuletzt für seine ausgefallenen Lampen bekannt war, welche sich heute noch einer gewissen Beliebtheit erfreuen. In Paris durchdrang der neue Stil die Stadt gründlich, ein Beispiel sind die in aller Welt bekannten filigranen Metró-Eingänge von Hector Guimard.
Barcelona war die Domäne des Allroundgenies Antoni Gaudí, der sich vor allem als Architekt, aber auch als Plastiker betätigte und eine Vielzahl von Häusern sowie Repräsentationsbauten und vor allem die Kathedrale Sagrada Familia in einem einzigartigen und scheinbar spielerisch-schwerelosen Stil schuf.
In Großbritannien war vor allem das schottische Glasgow Hauptort der neuen Kunstbewegung, wo Charles Rennie Mackintosh und andere eine ganz eigene Spielart des Jugendstils kultivierten, die nie ganz die Bedeutung erreichte wie auf dem Festland.
Brüssel war eines der wichtigsten europäischen Zentren des Jugendstils, ganze Stadtviertel wurden durch ihn geprägt, wovon heute noch bedeutende Reste bestehen. Künstler wie der Designer Henry van der Velde und der Architekt Victor Hortha drückten dem belgischen Jugendstil ihren Stempel auf und schufen unnachahmliche Werke, die heute noch begeistern.
In Skandinavien entstanden eigene, im Ausland wenig beachtete Spielarten der neuen Kunst, welche nichtsdestotrotz erstaunliche Leistungen vollbrachten. Ganz besonders wichtig war diese Entwicklung in Finnland, wo sie zum Ausdruck der nationalen Selbstfindung und des erwachenden Widerstands gegen die russische Herrschaft wurde, und Helsinki entwickelte sich zu einem kleinen, aber feinen Zentrum der zeitgenössischen Künste.
In Amerika war Chikago zu dieser Zeit zusammen mit New York Schrittmacher der Moderne, und der neue Stil fand begeisterte Aufnahme. Nach dem großen Brand von 1871 wurde die Stadt rasant wiederaufgebaut, und überall schossen neue Häuser und Wolkenkratzer aus dem Boden, weshalb der Jugendstil dort sein Echo vorwiegend in der Architektur fand. Archtiekten wie Frank Lloyd Wright und Ludwig Mies van der Rohe setzten neue Akzente, in van der Rohes Fall solche, die auf die folgende klassische Moderne entscheidenden Einfluß nehmen sollten.
Entscheidende Bedeutung bei der Fortentwicklung des Jugendstil zum Art Déco und der klassischen Moderne hatten die Künstler in Wien, welche sich zunächst in der Wiener Secession und dann in der Wiener Werkstätte zusammenschlossen. Wien war damals als Hauptstadt und Zentrum des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn Schmelztiegel zahlreicher Kulturen und Schnittstelle zwischen Ost und West, zwischen Beharrung und Aufbruch. Kein Wunder also, daß die dortigen Impulse sich gegenseitig zu einer großen Bewegung verstärkten. Vom ornamentalen und verspielten Jugendstil zwischen 1895 und 1900 entwickelte sich die Kunst stetig weiter zu einem klaren, einfachen und modernen Stil, der als Vorstufe zur klassischen Moderne gilt und bereits Merkmale der Kunst der 20er und 30er Jahre vorwegnahm. Dieser Stil stellte die logische Fortentwicklung des Jugendstils dar: er vereinte Kunst und Industrie zu einem einheitlichen Ganzen, die Massenproduktion und der künstlerische Anspruch wurden miteinander vermählt, statt sich wie im Jugendstil oder im Art Déco zu befehden. Große Namen waren dort Joseph Maria Olbrich und Adolf Loos, aber auch Architekten wie Otto Wagner und Josef Hoffmann, der sich auch im Design und im Kunstgewerbe einen Namen machte.
Der Jugendstil war Vorstufe und Durchgangsstadium auf dem Weg weg vom schwerfälligen Historismus und hin zur Moderne. Mit dem Ersten Weltkrieg endete auch die vertrauensselige Leichtigkeit und der Optimismus, der dem Jugendstil seine Kraft gegeben hatte, und er wurde durch den einfacheren und klareren modernen Stil ersetzt, an dem das aus dem Jugendstil hervorgegangene Dessauer Bauhaus mit seinen wegweisenden Künstlern entscheidenden Anteil haben sollte. Industrie und Kunst gingen mit ihm eine untrennbare Verbindung ein und erwiesen sich als prägend für die Zukunft, während die handwerkliche Orientierung, die den Jugendstil ausgezeichnet hatte, weitgehend verlorenging und nur in der bedeutenden Bewegung des Art Déco noch eine Zeitlang weiterlebte.
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